Ein Junge steht auf einer Wiese voller Ziegen am Ufer des Omo-Flusses in Äthiopien.

Nadine, die Hüterin der Lamuke

Unter Freunden bei den Kara im Omo-Tal

Teilen Mirène Wenner 28.08.2026
Thomas Thadewaldt

„Sobald Nadine die Sprache beherrschte, löcherten die Kara sie mit Fragen: Was genau ist eigentlich ein Flugzeug? Und warum greifen Besucher als Erstes zur Kamera, anstatt erst einmal Hallo zu sagen?"

Lächelnde Frau mit braunen Haaren, die ein Kind umarmt, vor einem Hintergrund aus Zweigen.

Kaum steigt unsere DIAMIR-Kollegin und Äthiopien-Spezialistin Nadine Brückner aus dem Geländewagen, geht ein Rufen durchs Dorf. Menschen kommen aus den Hütten, begrüßen sie mit vertrauten Worten, sie antwortet im gleichen Ton. So sieht hier die Begrüßung von Freunden aus einer anderen Welt aus. Das Besondere daran? Nur eine weitere außenstehende Person weltweit spricht diese Sprache.

Die Kara, bei denen sie diesen Empfang bekommt, leben am Ufer des Omo-Flusses, im äußersten Süden von Äthiopien. In dieser abgelegenen Region des Landes leben rund 1500 Menschen, verteilt auf drei Hauptdörfer von je etwa 400. Von den über 80 Volksgruppen Äthiopiens zählen die Kara (Fremdbezeichnung Karo) zu den unbekanntesten. Bis vor einigen Jahrzehnten hatten sie keinen Kontakt zu Reisenden. Hingefahren ist Nadine zum ersten Mal im Jahr 2008, um im Omo-Tal zu forschen. Zurück reist sie bis heute wegen der Freundschaften, die daraus entstanden sind. Wir erzählen, wie es dazu kam.

Nadine mit ihrer besten Freundin Dchauwli.
Bild 1: Nadine mit ihrer besten Freundin Dchauwli. Christian Engeln

Der Weg ins Omo-Tal

Auf der Suche nach einem Praktikum für ihr Studium der Afrikanistik und Ethnologie stieß Nadine auf das South Omo Research Center unter der Leitung von Ivo Strecker im südäthiopischen Omo-Tal. Da die Bedingungen vor Ort fordernd sind, musste sie in Deutschland erst einmal harte Eignungstests bestehen: Campingfähigkeiten, Belastbarkeit und ernsthaftes Interesse wurden geprüft. Doch die Hürde lohnte sich.

Kaum im Omo-Tal angekommen, traf sie auf den Ethnologen Felix Girke. Dieser hatte als erster europäischer Wissenschaftler bei den Kara in Äthiopien geforscht sowie deren Sprache gelernt und lud sie ein, ihn ins Forschungsgebiet zu begleiten. Nadine zögerte nicht und schloss sich ihm an. Womit sie nicht gerechnet hatte: wie schnell sie zu einem Teil der Gemeinschaft werden würde.

Die Sprache der Kara war bis zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht dokumentiert. Nadines erste große Aufgabe wurde es, sich diese Wort für Wort anzueignen, ohne offizielle Schreibweise als Vorlage. Bei einer Sprache, die zuvor nie aufgeschrieben wurde, muss man sich schließlich selbst entscheiden, wie man sich ein gesprochenes Wort merkt.

Was als Forschungsaufenthalt begann, entwickelte sich über die Jahre zu Nadines zweiter Heimat. Sie wurde in Familien aufgenommen, mitversorgt und in den Dorfalltag integriert. Während ihres Studiums blieb sie jedes Jahr einige Monate am Stück vor Ort. Bis heute kommt sie zurück, um die Freundschaften zu pflegen, die dabei entstanden sind. Und wenn sie sieht, wie rasant sich das Leben im Omo-Tal aktuell verändert, juckt es ihr in den Fingern, genau dort wieder anzusetzen und noch einmal neu zu forschen.

Ein Mann aus dem Dorf der Kara.
Nadine im Gespräch mit zwei Kara-Männern.
Bild 1: Ein Mann aus dem Dorf der Kara. Thomas Thadewaldt
Bild 2: Nadine im Gespräch mit zwei Kara-Männern. Lutz Scharf

Die namensgebenden Ziegen der Kara

Wie tief Nadine in der Gemeinschaft verwurzelt ist, zeigt ihr eigener Kara-Name. Dahinter steckt ein wichtiges Ritual. Wer offiziell dazugehört, bekommt eine Ziege geschenkt. Mit der eigenen Ziege wird man Teil der Gemeinschaft und bekommt einen Namen. Da die Kindersterblichkeit hier noch sehr hoch ist, bekommen Kinder circa mit dem sechsten Lebensjahr ihre Ziege und damit erst sehr spät nach einem vorläufigen Namen ihren bleibenden Namen. Der Name leitet sich dann direkt vom Tier ab, genauer gesagt von Mustern und Fellfarben. Für diese besitzen die Kara so viele Begriffe, dass sich kaum ein Name doppelt.

Mit ihrer Aufnahme wurde Nadine zu Atana Muke, der Hüterin der Lamuke, einer braunschwarzen Ziege. Als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit musste sie dem Tier sogar ein eigenes Muster ins Ohr ritzen. Die Kara erzählen ihr bis heute – über zwanzig Jahre später –, die Ziege lebe noch immer irgendwo dort. Ob das stimmt, sei dahingestellt, aber der Name bleibt für den Rest ihres Lebens.

Neben dem offiziellen Ziegennamen gibt es bei den Kara auch alltägliche Spitznamen, oft basierend auf Ereignissen. Nadine hat gleich drei davon gesammelt: Dobo (Regen), weil es bei ihrer Ankunft immer regnete. Lomi (Limette), weil sie sich nach Wochen ohne frisches Obst wie ein Kind über eine Limette freute, die ein Fahrer auf einer Versorgungsfahrt ins Dorf mitgebracht hatte. Und Mirinda, schlicht wegen ihrer Liebe für die Limonade, vor allem nach Wochen ohne Zucker. Als offiziell gilt aber trotzdem nur der Ziegenname.

Dunga grinst neben Nadine in die Kamera.
Nadine und Dchauwli kommen vom Holzsammeln zurück.
Bild 1: Dunga grinst neben Nadine in die Kamera. Nadine Brückner
Bild 2: Nadine und Dchauwli kommen vom Holzsammeln zurück. Nadine Brückner

Freundschaften fürs Leben

Dass Nadine überhaupt so tief in die Gemeinschaft eintauchen konnte, lag vor allem an den Menschen vor Ort. Allen voran steht Dunga, ihr wichtigster Brückenbauer. Er stammt aus dem Dorf und studierte nach seiner Schulzeit Jura sowie internationales Strafrecht. Da er Englisch sprach, war eine Verständigung überhaupt erst möglich. Als Nadine dann das erste Mal für drei Monate im Dorf blieb, führte er sie in seine Familie ein und wich nicht von ihrer Seite, bis sie gut im Alltag angekommen war. Die beiden stehen bis heute wöchentlich in Kontakt und haben gemeinsam den Kinka-Verein gegründet, um lokale Projekte im Omo-Tal zu unterstützen.

Dann ist da noch Dchauwli, Nadines beste Freundin bei den Kara. Auf sie aufmerksam geworden ist Nadine durch ihr Lachen. Aus dem Nachbarhaus war es jeden Tag zu hören, meistens begleitet von murmelnden Menschen. Schließlich wollte Nadine wissen, wer da eigentlich ständig lacht. Aus der Neugier wurde eine Freundschaft, die so eng wurde, dass Nadine irgendwann bei ihr einzog. Dchauwli öffnete ihr auch die Augen für das Leben der Frauen im Dorf. Von außen wirkt es schnell so, als würden sie sich den Männern schlicht unterordnen. Doch als Nadine mitbekam, wie viel hinter den Kulissen besprochen und entschieden wird, veränderte sich dieses Bild.

Dchauwlis berühmtes Lachen.
Bild 1: Dchauwlis berühmtes Lachen. Christian Engeln

Die Neugier ging dabei immer in beide Richtungen. Sobald Nadine die Sprache beherrschte, löcherten die Kara sie mit Fragen: Was genau ist eigentlich ein Flugzeug? Warum tragen Besucher immer Oberteile, obwohl es drückend heiß ist? Und warum greifen sie als Erstes zur Kamera, anstatt einfach Hallo zu sagen?

Genau diese Haltung prägt auch die Reisen, auf denen Nadine heute Gäste ins Omo-Tal begleitet. Der erste Kontakt geschieht bewusst ohne Kamera. Erst begegnet man sich auf Augenhöhe, dann wird fotografiert, wenn überhaupt. Auf der DIAMIR-Reise namens „Wopo - Wopona“ verbringen Sie gemeinsam mit Nadine fünf Tage im Dorf. Ganz ohne festes Programm, dafür mit wirklichem Dabeisein statt flüchtigem, passivem Besichtigen. Denn wie Nadine betont: „Die Kara wollen Gäste treffen, die sich Zeit nehmen und sich für ihre Kultur interessieren, nicht Menschen, die nach drei Stunden wieder abreisen.“

Nadine mit Freunden beim Kaffeeteetrinken im Morgengrauen.
Die Kaffeeschalen aus dem Metalltopf werden im Tontopf gebrüht. So entsteht der Kaffeetee.
Bild 1: Nadine mit Freunden beim Kaffeeteetrinken im Morgengrauen. Nadine Brückner
Bild 2: Die Kaffeeschalen aus dem Metalltopf werden im Tontopf gebrüht. So entsteht der Kaffeetee. Nadine Brückner

Ein Tag im Dorf bei den Kara

Doch wie fühlt sich ein ganz normaler Tag im Omo-Tal eigentlich an, wenn die Kameras eingepackt bleiben und der Blick für den echten Alltag frei wird?

Erstmal Kaffeetee trinken

Es ist noch stockdunkel, als der erste Hahn kräht. In den Hütten flackert das Feuer auf, das nur an einem einzigen Tag im Jahr erlöschen darf. Um 5 Uhr morgens wird es richtig angefacht. Der Tee kocht und die Nachbarschaft drängt sich ums Feuer. Man erzählt sich, wovon man geträumt hat, was am Vortag passiert ist oder was man inzwischen über die Sache von gestern denkt. Geplaudert wird eine Stunde lang, bis es draußen langsam hell wird.

Schon der Geruch lässt ahnen, dass hier keine klassische äthiopische Kaffeezeremonie stattfindet. Die Kara verwenden für ihren Kaffeetee keine Bohnen, sondern deren getrocknete Schalen. Diese werden gewaschen, aufgekocht und aus riesigen Keramiktöpfen mithilfe von geschnitzten Holzkellen in breite, hölzerne Kalebassen geschenkt, die an Müslischalen erinnern.

Das Wasser für den Tee kommt direkt aus dem braunen Omo-Fluss. Es wird abgekocht und mit einer geschnitzten Wurzel gerührt, bis es klar wird. Dieses Phänomen hat die Wissenschaft noch nicht entschlüsselt. Reisende bekommen zur Sicherheit Flaschenwasser, den Tee trinken aber alle gemeinsam. Danach kann der Tag beginnen.

Kara-Männer beraten sich im Schatten der Bäume.
Kara-Männer beraten sich im Schatten der Bäume. Lutz Scharf

Zwischen harter Arbeit und spontanen Festen

Sobald die Sonne höher steigt, löst sich die Runde am Feuer auf und das Dorf geht in einen strukturierten Arbeitstag über. Alle kennen ihre Rolle, die Aufgaben sind klar verteilt und eingespielt.

Für die Frauen bedeutet das vor allem harte körperliche Arbeit. Sie holen Wasser in 40-Liter-Kanistern und tragen die schweren Lasten den steilen Hang vom Fluss hinauf. Auch das Feuerholz wird von ihnen besorgt. Da die nähere Umgebung längst abgeholzt ist, müssen sie dafür immer weiter gehen. Zusätzlich beschaffen sie Stroh und Baumaterial für die Instandhaltung der Hütten.

Die Männer versammeln sich derweil im Schatten der Bäume. Ihr Tag ist geprägt von Absprachen und Entscheidungen. Sie beraten über Dorfangelegenheiten, schlichten Konflikte, sprechen Recht und koordinieren den Besuch von Reisegruppen.

Dchauwli melkt eine Ziege.
Bild 1: Dchauwli melkt eine Ziege. Christian Engeln

Auf den Feldern am Flussufer wird alles in reiner Handarbeit angebaut. Hier helfen auch viele Kinder mit. Andere ziehen mit den Ziegenherden auf die Weide, oft sind sie tagelang unterwegs und übernachten draußen. Alternativ gehen die Jüngeren am Fluss angeln, um Fisch in die Kalebasse (Schale aus einem ausgehöhlten Kürbis) zu bringen.

So durchgetaktet die Pflichten sind, so spontan verändert sich der Tagesrhythmus, wenn ein besonderer Anlass ansteht. Die Kara feiern überraschend oft und gern. Dann wird gemeinsam gebrautes Hirsebier getrunken, getanzt und bis tief in die Nacht erzählt, bevor am nächsten Morgen um 5 Uhr wieder die ersten Feuer aufflammen.

Zwei Kinder schauen beim Kara-Fest zu.
Bild 1: Zwei Kinder schauen beim Kara-Fest zu. Lutz Scharf

Smartphones am Lagerfeuer im Omo-Tal

So zeitlos das Leben am Omo-Fluss auf den ersten Blick wirkt: Das Tal ist längst in Bewegung geraten. Am deutlichsten zeigt sich das an der Verbindung nach draußen. Bei ihren ersten Reisen konnte Nadine den Kara schlichtweg kein Datum für ihre Rückkehr nennen. Man orientierte sich am Rhythmus der Natur. So kam sie „in drei Monden“, „nach der Ernte“ oder „wenn der Fluss sinkt“ zurück. Heute gibt es in Kara ein Mobilfunknetz und Strom über Solarpanel. Einige Personen aus dem Dorf besitzen Smartphones. Wenn Nadine eine Reise plant, gibt sie diesen Bescheid, damit sie die Nachricht ins Dorf weitertragen.

Der Wandel betrifft mehr als nur die Kommunikation. Im Omo-Tal teilen sich 18 bis 20 Volksgruppen das Land. Die Kara gehören zu den kleineren Gemeinschaften, und es gibt Streit um Landrechte. Der äthiopische Staat übt zusätzlich Druck aus, sich anzupassen und die Gefahr einer schleichenden Assimilierung lauert. Junge Kara in Äthiopien sind entsprechend hin- und hergerissen: die alte Kultur auf der einen Seite, die Sehnsucht nach Smartphones und Fußballtrikots auf der anderen. Erstaunlich viele kommen trotzdem zurück, nachdem sie einmal „draußen“ gelebt und ihre Erfahrungen gesammelt haben. Das Leben in der Stadt ist am Ende eben doch nicht so viel verlockender als die vertraute Dorfgemeinschaft.

Die Gemeinschaft sitzt am Lagerfeuer.
Bild 1: Die Gemeinschaft sitzt am Lagerfeuer. Lutz Scharf

Wie sich das Leben im Omo-Tal verändert, sieht man abends am besten. Am Lagerfeuer werden inzwischen genauso oft Smartphones gezückt wie früher Geschichten erzählt wurden. Die Älteren diskutieren, wie gut das eigentlich ist, und nehmen die Jüngeren zur Seite, um sie an ihre Aufgaben im Dorf zu erinnern. Auch hier ist Entwicklung ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen Jung und Alt, Bewährtem und Neuem. Ein bisschen wie bei uns am Abendessenstisch.

Nadine und Dunga unterhalten sich im Kochzelt für Reisegäste.
Bild 1: Nadine und Dunga unterhalten sich im Kochzelt für Reisegäste. Lutz Scharf

Etwas gemeinsam machen

Wer über zwanzig Jahre lang den Alltag einer Gemeinschaft teilt, sieht nicht nur die Schönheiten, sondern auch die Hürden. Aus Nadines langjähriger Verbundenheit mit dem Omo-Tal entstand deshalb der Kinka-Verein, den Dunga und sie ins Leben gerufen haben. Der Name bedeutet übersetzt „etwas gemeinsam machen“.

Die wichtigste Aufgabe des Vereins ist die finanzielle Unterstützung zur medizinischen Versorgung. Daneben finanziert er auch Schulpatenschaften. Für 45 Euro im Monat kann ein Kind eine weiterführende Schule besuchen. Dafür müssen die Kara-Kinder ihr Dorf verlassen und die offizielle Landessprache Äthiopiens, Amharisch, lernen. Aber auch in Notlagen hilft der Verein direkt: Nach einem Erdrutsch halfen Spenden vier Familien beim Wiederaufbau ihrer Häuser. Wer das Projekt unterstützen möchte, findet alle Infos unter www.kinka-ethiopia.de

Im Kern beeindruckt Nadine seit fast zwanzig Jahren vor allem das Miteinander im Dorf. Was sie nach jedem Besuch am tiefsten begleitet, sind die ruhigen Morgenrunden am Feuer, die Abende, an denen einfach erzählt wird und das schlichte Gefühl, in ihrer zweiten Heimat angekommen zu sein. Dass sie ihre Begeisterung für diese Welt heute bei DIAMIR Erlebnisreisen mit anderen teilen und auf den Touren ins Omo-Tal erlebbar machen kann, schließt den Kreis. Wir bei DIAMIR Erlebnisreisen sind sehr dankbar, dass wir an Nadines Erfahrungen und liebevoll aufgebauten Kontakten teilhaben dürfen und Ihnen mit ihrer Hilfe das Leben der Kara so intensiv zeigen können.

Hier geht's mit Nadine zu den Kara

Eine Karo-Frau mit strahlendem Lächeln trägt ein Kind auf dem Arm. Beide sind mit bunten Perlen geschmückt und stehen am Omo-Fluss in Äthiopien.
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Intensives Eintauchen mit der Ethnologin Nadine Brückner in die Kultur und den Alltag der Kara am Omo-Fluss

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Dauer 14 Tage / 6–8 Teilnehmer
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