Den Amazonas schützen
Hinter den Kulissen unseres Regenwald-Schutzprojekts
„Tagsüber bestimmt der schlammige Boden das Gefühl. Die Konsistenz wechselt zwischen Schokoladenpudding, in den man einsinkt und zäh-klebriger Karamellsoße.”
Eine Bootsfahrt auf dem lehmbraunen Rio Tambopata-Fluss, ein paar hundert Meter durch dichtes Unterholz, dann bricht das Licht durch das Blätterdach und verfängt sich im Wurzelwerk am Boden. Vögel und Zikaden singen dazu ihr eigenes Konzert, für einen Moment fühlt es sich an wie eine Szene aus Jurassic Park. So beschreiben unsere DIAMIR-Kollegen Tim Turowski und Michél Pretzsch ihre Eindrücke vom Regenwald-Schutzprojekt am Rio Tambopata. Es geht um ein ganz konkretes Stück Amazonas-Regenwald, das DIAMIR Erlebnisreisen gemeinsam mit der gemeinnützigen Stiftung Wilderness International gekauft hat und damit dauerhaft vor Rodung schützt. Wie genau dieses Schutzmodell funktioniert, lesen Sie auf unserer Nachhaltigkeitsseite.
Hier soll es um etwas Anderes gehen: Wie erlebt man so ein Schutzprojekt eigentlich vor Ort? „Wir wollten uns das einfach mal selbst ansehen", sagt Michél. Acht Tage Peru, davon fünfeinhalb mitten im Regenwald. In diesem Beitrag bekommen Sie exklusiv diesen seltenen Einblick.
Wo die Zivilisation aufhört
Wie groß die Distanz von Deutschland bis zum Amazonas-Schutzprojekt tatsächlich ist, wird erst auf dem Weg klar. Irgendwo über dem Nordwesten Südamerikas ziehen die Baumkronen minutenlang unter dem Flugzeug hin. Der eigentliche DIAMIR-Wald bleibt von oben dabei unsichtbar, er liegt erst auf der letzten Etappe der Reise.
Selbst für den reiseerfahrenen Michél war die Anreise nach Peru erstaunlich anstrengend. Das lag vor allem an der ungewohnten Flugrichtung: Während er sonst meistens nach Osten reist, ging es diesmal weit nach Westen, was seinen Biorhythmus spürbar forderte. Tim wiederum hätte auf die frühen Weckzeiten gern verzichtet. Noch dazu schleppen beide jeweils 50 kg Gepäck mit, inklusive Ausstattungsnachschub für die lokale Crew. Aber um den Amazonas zu schützen, beißt man voller Vorfreude und Spannung die Zähne zusammen.
Die Anreise:
- Abflug Berlin, 6 Uhr morgens, via Amsterdam
- ca. 12 Std. Flug nach Lima (+2 Std. wegen medizinischem Notfall an Bord)
- Übernachtung in Lima, am nächsten Tag 1 Std. Inlandsflug nach Puerto Maldonado
- 2 Std. Autofahrt zum Rio Tambopata
- 20 Min. Bootsfahrt flussabwärts
Am Bootsanleger des Rio Tambopata sehen Michél und Tim, wie nah Schutz und Nutzung in dieser Region beieinanderliegen. Links führt der Weg in den von Wilderness International geschützten Wald, rechts ins Goldgräbergebiet. Doch die Suche nach Edelmetall ist nur eine, aber tatsächlich die größte, Bedrohung für den Amazonas-Regenwald. Die andere: Rodung für die Landwirtschaft.
Auf dem letzten Stück der Reise zeigt der Fluss, dass hier immer noch die Natur regiert. Durch die Regenfälle in den Tagen zuvor steht das Wasser ungewöhnlich hoch, ganze Bäume treiben vorbei. In den folgenden Tagen sinkt der Pegel um rund acht Meter. Bei uns wäre das das Ausklingen einer Hochwasserkrise, im Wald ist das einfach die Regenzeit.
Leben im Amazonas-Schutzprojekt
Wie wohnt man eigentlich fünf Nächte mitten auf einer Forschungsstation im Regenwald? Untergebracht waren Tim und Michél in der Secret Forest Research Station, einem kleinen Stationscamp in Flussnähe. Platz ist für ca. 30 Personen, die den Amazonas schützen, darunter Forschende, lokale Volunteers und das Wilderness-Team. Tim und Michél durften sich ein komfortables Zweibettzimmer teilen. „Ich hatte eine ganz andere Vorstellung von der Station im Kopf", erzählt Michél. „Hätte nicht erwartet, dass ich in einem richtigen Bett schlafen darf.”
Versorgt wird die Station komplett über Solarenergie, auch das Internet läuft unerwartet stabil über Starlink. Ein Wasserturm sammelt den Regen, der zum Waschen und Duschen genutzt wird. Das Trinkwasser wird via Boot angeliefert.
Auch in Sachen Lebensmittelversorgung sind die Bewohner auf Nachschub von außen angewiesen. Der kleine Garten der Station reicht für 30 Menschen nicht aus. Der nächste Einkauf liegt eine Bootsstunde entfernt. Auf den Tisch kommen dennoch dreimal täglich frische Mahlzeiten, meist Reis und Bohnen. Dazu gibt es Saft aus einem 20-Liter-Eimer, für den am Vortag gefühlt 400 Maracujas von Hand ausgepresst wurden.
Gummistiefel sind im Camp kein gut gemeinter Ratschlag, sondern schlicht notwendig. Der Boden des Waldes ist fast überall nass und matschig. Einmal tritt Tim in ein von einer Pfütze gut getarntes, metertiefes Wasserloch. Ein anderes Mal verfehlt er mit den Füßen minimal eine Schlange. Keine Sorge, beiden geht es gut.
Die Arbeit der Forscher
Wie sieht so ein Projekt, den Amazonas zu schützen, eigentlich aus, wenn man einmal hinter die Kulissen schaut? Ein großer Teil der Antwort beginnt bei Chris Ketola, Head Field Researcher von Wilderness International. Ketolas Ziel ist es, unter anderem die Artenvielfalt der Region zu dokumentieren, um Lebensräume zu überwachen und diese letztendlich besser zu schützen. Er hat sich grundlegende wissenschaftliche Kenntnisse angeeignet, ist Autodidakt und ein wandelndes Artenlexikon. Das Sonagramm der Rufe seiner liebsten Fledermausarten hat er sich sogar auf den Arm tätowieren lassen.
Michéls und Tims erster Einblick in die Forschung geschieht über die Begegnung mit Fledermäusen. Feine Netze werden über die bekannten Flugkorridore gespannt. Zur Abenddämmerung verfangen sich die Tiere in ihnen. Die tägliche Ausbeute liegt bei 5 bis 89. Das Forschungsteam entnimmt die Fledermäuse, misst sie aus, bestimmt das Geschlecht und lässt sie wieder frei. Das alles muss schnell geschehen, denn sonst beißen sich die Tiere aus den Netzen frei. „Es ist schon verrückt, wie sich eine aufgespannte Fledermaus anfühlt, fast wie Leder", sagt Tim.
Nachts geht es mit dem Boot auf Kaimansuche. Im Lichtschein der Stirnlampen verraten sich die Tiere am Ufer durch die Reflexion ihrer Augen. Wenn Ketola dann dem Kapitän ein lautloses Handsignal gibt, aus dem Boot springt, ein anderthalb Meter langes Tier sicher zu Boden bringt und an Bord schleppt, halten alle den Atem an. Doch sobald der Kaiman vermessen und mit einem Sender versehen wird, verhält er sich erstaunlich ruhig. Nach dieser kurzen Prozedur darf er auch schon zurück ins Wasser und sich wieder entspannen.
Beim Kaimanfang stieß die Gruppe auf ein Rätsel: Ein Tier flüchtete vor dem Team ausgerechnet in den Wald, statt Schutz im vertrauten Wasser zu suchen. Wie sich herausstellte, war seine Sehkraft stark eingeschränkt. Ob das mit der Schwermetallbelastung durch die regionale Goldsuche zusammenhängt, muss noch wissenschaftlich untersucht werden.
Tim und Michél haben auf der Nachtwanderung übrigens gelernt, dass das Geheimnis im richtigen Winkel liegt. Nur wer selbst eine Stirnlampe trägt, kann im Lichtschein die bunt reflektierenden Augen der Tiere in der dunklen Nacht erkennen und so genau bestimmen, wer da im Gebüsch sitzt. Tim hat herausgefunden, dass die Augen einer bestimmten Spinne giftgrün reflektieren. Doch auch mit diesem Wissen wäre man ohne einen erfahrenen Guide im nächtlichen Dschungel komplett aufgeschmissen.
Eine ebenso wichtige Rolle wie die Forschenden spielen die Forest Guardians, meist Anwohnende aus der Region, die den Amazonas schützen. Sie patrouillieren regelmäßig durch die Schutzgebiete, dokumentieren, was sie sehen, und geben Auffälligkeiten weiter, statt selbst einzugreifen. Als eine Art Nachbarschaftswache gegen Wilderei, illegalen Goldabbau und Abholzung bindet diese Initiative die Bevölkerung direkt vor Ort aktiv in den Waldschutz ein. Für den Aufenthalt von Michél und Tim bewiesen die Guardians zudem echte Gastfreundschaft: Sie überließen den beiden großzügig ihre Zimmer auf der Forest Station, wie die beiden später herausfanden.
So fühlt sich der Regenwald an
Zwischen der Forschungsarbeit bleibt auch Raum, den Amazonas-Regenwald einfach auf sich wirken zu lassen. Nachts, wenn die Stirnlampen ausgeschaltet bleiben, übernehmen die Ohren das Sehen. Es erwacht ein Konzert aus Fröschen und Zikaden, dem Wind in den Baumkronen und einzelnen Regentropfen, die von Blatt zu Blatt fallen.
Tagsüber bestimmt der schlammige Boden das Dschungelgefühl. Die Konsistenz wechselt zwischen Schokoladenpudding, in den man einsinkt und zäh-klebriger Karamellsoße, auf der man versucht, nicht auszurutschen. 20.000 Schritte werden fast täglich geknackt und das spüren Tim und Michél abends in jedem Muskel. Spätestens am zweiten Tag ist außerdem klar, dass frische Kleidung bei dieser extremen Luftfeuchtigkeit ohnehin völlig überbewertet wird. Mücken hingegen machen der Gruppe erstaunlich wenig zu schaffen. Vielleicht, weil es zur Zeit der Reise relativ kühl ist.
Michél, der schon im Dschungel des Kongos und in Borneo unterwegs war, hatte sich den Amazonas-Regenwald anfangs etwas höher vorgestellt. „Das kann durchaus sein – bedingt durch die Baumarten”, erklärt Kai Andersch, CEO von Wilderness International. Dafür ist aber auffällig viel los zwischen den Bäumen. Wo man in Borneo manchmal froh ist, zwei oder drei Affen- und Vogelarten zu sehen, ist man hier im Secret Forest den Tieren spürbar näher. Von Hyazinth-Aras über die Tarantulafalken-Wespe bis zu Kapuzineraffen erleben die beiden täglich, wie lebendig der Regenwald hier ist.
Ein Highlight ist für beide der Aufstieg auf den 40 Meter hohen Canopy Tower zum Sonnenuntergang. Mit nur ein paar dünnen Drahtseilen befestigt, schwankt der Turm bei jedem Schritt ein kleines bisschen. Das verleiht dem Ausblick über die endlosen Baumkronen jedoch nur noch mehr Respekt. Genauso unvergesslich bleibt der Moment, als die beiden auf der von DIAMIR Erlebnisreisen unterstützten Waldfläche stehen, die einige Kilometer flussabwärts der Research Station liegt. Sie markieren das Areal mit einem selbst gebastelten, biologisch abbaubaren Schild. Sofort ist das Jurassic-Park-Gefühl vom ersten Tag wieder da. Diesmal wird es aber vom stolzen Wissen begleitet, dass genau dieses Stück Natur durch den eigenen Einsatz und den unserer DIAMIR-Reisegäste beschützt wird. „Es war ein unbeschreiblich intensiver Moment, der mich total überwältigt hat. Da schluckt man erst einmal und hat feuchte Augen“, erinnert sich Michél.
Der Einsatz, den Amazonas zu schützen
Am Ende der Expedition ist für beide klar: Das Engagement von Wilderness International in Peru hat Hand und Fuß. „Das Team von Wilderness macht einen richtig starken Job und wir können uns sicher sein, dass wir damit eine wirklich sinnvolle Sache unterstützen. Wenn man mit eigenen Augen vor Ort die Natur sieht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie komplex und gleichzeitig gut abgestimmt dieses Ökosystem funktioniert. Jeder Euro, den wir hier in den Regenwald geben, landet genau da, wo er hingehört.“ sagt Tim. Am meisten ist ihm dabei aber gar nicht ein einzelner Forschungsmoment in Erinnerung geblieben, sondern die Tatsache wie alle vor Ort an einem Strang zogen. Genau das ist die Realität hinter den Kulissen: Ein Regenwald-Schutzprojekt, das von Daten, Schlamm und echtem Teamgeist lebt.
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