Was bleibt, wenn ein geliebter Mensch geht, sind Trauer, Wut, Unverständnis - aber auch unzählige Erinnerungen an Momente des Glücks. Zum Tag der Toten (Día de los Muertos) gedenken die Mexikaner ihren Verstorbenen in dem Glauben, dass ihre Seelen für eine kurze Zeit ins Diesseits zurückkehren, um mit ihren Liebsten zu feiern. Daher liegt das Land zu dieser Zeit auch nicht in kompletter Stille. Viele Rituale und Traditionen bestimmen das Geschehen, dem auch Reisende beiwohnen dürfen.
Am 1. und 2. November jeden Jahres verändert sich etwas in Mexiko. Familien kommen zusammen, es wird das köstlichste Essen zubereitet, Erinnerungsstücke und Bilder werden liebevoll an Altären platziert, öffentliche Plätze werden mit Skeletten und Girlanden geschmückt und in der Dunkelheit werden Friedhöfe in ein Menschenmeer getaucht. Andächtige Stille trifft in diesen Tagen auf farbenprächtige Paraden mit Musik und lautem Gelächter.
Der Tag der Toten im Wandel
Der Día de los Muertos reicht über 3000 Jahre in die Geschichte zurück. Schon damals wurde der Tod nicht als Ende angesehen, sondern lediglich als Übergang in eine andere Daseinsform. Bereits die Azteken verehrten ihre Verstorbenen und richteten für sie Feste aus. Allerdings fanden die Feierlichkeiten meist im Sommer statt. Mit den katholischen Einflüssen der spanischen Kolonialherren wurde der mexikanische Totentag im 16. Jahrhundert in den November verlegt, sodass er zur selben Zeit stattfand wie die katholischen Gedenktage Allerheiligen und Allerseelen. Dass noch heute katholische Messen und Gebete für die Seelen der Verstorbenen abgehalten werden, geht auf die spanischen Eroberer Mexikos zurück.
La Catrina – modernes Sinnbild für den Tot
Anfang des 20. Jahrhunderts entwarf der Kupferstecker und Karikaturist José Guadalupe Posada „La Calavera Garbancera“ als satirische Figur des Todes. Jahre später wurde sie von Diego Rivera in „La Catrina“ unbenannt. Das heute wohl berühmteste Symbol des Día de los Muertos stellt ein weibliches Skelett mit großem Hut und imposantem Kleid dar. Posadas machte sich damit über die mexikanische Oberschicht lustig, die die eigenen Wurzeln verleugnete und nach europäischen Standards strebte. Seine Botschaft: “Tot sind wir alle gleich”.
Zu verdanken hat sie ihre Berühmtheit aber nicht José Guadalupe Posada, sondern den beiden Kinofilmen “James Bond Specter” und “Coco”, die die Kostüme und das aufwendige Catrina-Make-up in den Fokus rücken. Seit ihrer Veröffentlichung hat die Figur im eigenen Land einen völlig neuen Status erlangt und dient als Vorbild für Figuren, Zeichnungen, Tattoos und kunstvolles Handwerk. Die erste Catrina-Prozession wurde erst 2014 abgehalten.
Die Feierlichkeiten
Der Tag der Toten ist einer der wichtigsten Feiertage Mexikos, sodass die Vorbereitungen oft schon Ende Oktober beginnen. In Schulen werden Altäre gebaut und Hausaltäre werden von den Familien liebevoll hergerichtet. Jeder Altar muss zwingend vier Elemente aufweisen:
- Das Feuer wird durch eine brennende Kerze repräsentiert.
- Die Luft wird in Form von dünnem buntem Papier dargestellt. Bewegt sich dieses, gilt es als Zeichen, dass die Seele gerade heimkehrt.
- Die Erde wird mit Blumen und Pflanzen dargestellt
- Eine Flüssigkeit findet in Form von Wasser oder Tequila Platz auf dem Altar.
Ein Foto des geliebten Menschen wird außerdem am Altar platziert. Ein besonderes Augenmerk wird zusätzlich auf die Festspeisen gelegt. Um die Verstorbenen für ihre lange Reise zurück auf die Erde zu belohnen, wird beispielsweise das Lieblingsessen gekocht. Typisch für die Feierlichkeiten sind auch Pan de Muerto (Totenbrot), ein süßes, weiches Brot mit Orangenblütenaroma und Anis, sowie Zuckerschädel (oft in Form der “La Catrina”), die mit einer Glasur und dem Namen des Verstorbenen verziert werden und verschiedene Früchte.
Die Feierlichkeiten erstrecken sind über zwei Tage.
- Am 1. November wird den verstorbenen Kindern und Babys gedacht. Es ist der Tag der kleinen Engel. Hausaltäre werden mit Spielzeug und Kuscheltieren dekoriert. Es gibt Schokolade und beispielsweise Milchreis. Alles erstrahlt in leuchtenden Farben. Angehörige legen während der Friedhofsbesuche Ringelblumen nieder. Insgesamt werden an diesem Tag eher leise Töne angestimmt. Es geht andächtiger und sanfter zu als am 2. November.
In der Stadt Guanajuato geht man an die Essenz des Gedenktages zurück. In einem Art Theaterstück werden kleine (leere) Särge von bitterlich weinenden Frauen durch die Straßen getragen. Ein Anblick, der unter die Haut geht.
- Am 2. November findet der offizielle Tag der Toten statt. Es wird turbulenter: Tänze, Feuerwerke und traditionelle Musik sorgen für eine ausgelassene Stimmung. In einigen Regionen finden sogar Bootsprozessionen statt. Der Humor spielt eine große Rolle. Man nimmt den Tod nicht zu ernst, verfasst lustige Gedichte über die Verstorbenen und feiert ihre kurzzeitige Rückkehr. Besuche auf dem Friedhof dauern die ganze Nacht.
Tag der Toten als Reisender erleben
Der Tag der Toten ist nicht nur in Mexiko ein Highlight, sondern wird in vielen Ländern nachgeahmt. In den USA, Guatemala & El Salvador, auf den Philippinen und in Spanien finden Sie Äquivalente. Doch wie immer geht nichts über das Original. Die UNESCO hat den Día de los Muertos 2008 sogar als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Möchten Sie dem mexikanischen Totentag während Ihrer Reise beiwohnen, sind Sie dazu herzlich eingeladen. Doch es gelten bestimmte Bedingungen. Das wichtigste Wort lautet Respekt. Auch wenn alles nach einer riesigen Party aussieht, stecken doch ein ernster Grund und ein tiefer Glaube hinter den Gedenktagen.
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