„Die Frauen kochten über offenem Feuer, schüchtern lachende Kinder kamen nach und nach aus der Dunkelheit hervor und der Geruch von Rauch hing in der Luft."
Das Auto bremst sanft ab. Vor ihm liegt Kies, flach und braun bis zum Horizont. Kamele spazieren auf der Suche nach Sträuchern gemütlich vorbei. Die Gebäude eines Dorfes in der Ferne flimmern in der Hitze. Wenn Sie zum ersten Mal durch diese Wüste fahren, verlieren Sie schnell das Gefühl dafür, in welcher Zeit Sie sich eigentlich befinden.
Die Karakum-Wüste liegt in Zentralasien. Sie bedeckt rund 80 Prozent von Turkmenistan und macht mehrere Zeitalter gleichzeitig sichtbar. Unter Ihnen liegt der Grund eines Meeres, das es seit Jahrmillionen nicht mehr gibt. Mitten im Sand steht die Stadt Gonur Depe, die vor rund 3600 Jahren unterging. Ein sowjetisches Großprojekt hat den Lauf der Flüsse für immer verändert, und seit über 50 Jahren brennt ein Krater, dessen Feuer gerade zu erlöschen beginnt. Genau wie Turkmenistan selbst, das wir in einem weiteren Blogbeitrag als trügerisch leer beschrieben haben, zeigt auch die turkmenische Wüste erst auf den zweiten Blick, wie viel in ihr steckt.
Geboren aus einem verschwundenen Meer
Die älteste Zeitschicht der Karakum lässt sich direkt im Gestein ablesen. Im Nordwesten Turkmenistans ragen die Steilwände des Yangikala-Canyons bis zu 100 Meter aus der Ebene. Sein Name bedeutet übersetzt „feurige Festungen". Rot, orange und weiß gestreifte Gesteinsschichten türmen sich wie Zinnen auf. Rund 25 Kilometer weiter liegt der Yangisuw-Canyon, sein Gestein zeigt sich überwiegend in leuchtendem Weiß statt in Rottönen.
Diese Farben sind das Archiv eines verschwundenen Meeres. Vor 30 bis 12 Millionen Jahren bedeckte ein großes Binnenmeer weite Teile Zentralasiens, aus dem später unter anderem das Kaspische Meer, das Schwarze Meer und der Aralsee hervorgingen. Damals war es ein flaches Gewässer voller Haie, Delfine und Muscheln. Als es austrocknete, blieben Schichten aus Kalkstein, Sandstein und Gips zurück. Sie verwittern je nach Mineralgehalt unterschiedlich schnell. Genau das erzeugt das Farbspiel der Canyons.
Wer heute auf einer Karakum-Reise durch die Wüste fährt, findet deshalb noch immer versteinerte Muscheln im Sand, vereinzelt sogar alte Haizähne. Es sind Souvenirs eines Meeresbodens, der längst zur Wüste geworden ist. Sandfelder wechseln sich mit Kiesebenen, rissigen Lehmböden und salzverkrusteten Senken ab, dazwischen liegen ausgetrocknete Flussbetten und kleine Siedlungen.
Seidenstraße ohne Politur
Genau diese Weite voller Muschelfossilien mussten über Jahrhunderte auch Händler durchqueren, denn ein Teil der historischen Seidenstraße verlief direkt durch die Karakum-Wüste. Doch die Vorstellung von endlosen Kamelkarawanen, die monatelang durchgehend Seide von China nach Europa transportierten, ist ein Mythos. Keine Kolonne zog die gesamte Strecke durch, denn dafür reichten Tiere, Wasser und Vorräte schlicht nicht aus. Gehandelt wurde stattdessen in begrenzten Abschnitten zwischen einzelnen Umschlagplätzen. Was dort tatsächlich den Besitzer wechselte, war selten so glamourös wie Seide, sondern vor allem Vieh, Lebensmittel und Dung.
Die ungeschönte Realität der damaligen Zeit lässt sich in Turkmenistan noch heute nachvollziehen. Im benachbarten Usbekistan sind Samarkand, Buchara und Chiwa mit ihren blauen Kuppeln aufwendig restauriert und touristisch inszeniert. Die Ruinen in Turkmenistan dagegen sind so zu sehen, wie die Zeit sie hinterlassen hat. Man braucht Busse und mehrere Stunden Fahrt, um von einer Station zur nächsten zu kommen, und spürt dabei etwas von der Mühsal, die einst Kaufleute und Karawanen auf diesen Strecken durchstehen mussten. Auch die Karawansereien (Rasthäuser für Händler und ihre Tiere) wirken hier weniger pittoresk und mehr wie das, was sie tatsächlich waren: einfache Zwischenstopps in der kargen, wasserarmen Landschaft der Karakum-Wüste.
Diese Kargheit lässt sich auch heute noch in der Siedlung von Merv spüren, die im 12. Jahrhundert mit bis zu 500.000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt gewesen sein soll. Heute ist davon eine rund 100 Quadratkilometer große Ruinenlandschaft übrig, in der fünf Städte aus ganz unterschiedlichen Epochen nebeneinanderliegen, denn jede Generation baute neu, statt die vorherige zu überbauen. Manche dieser Stadtteile trennen nur wenige hundert Meter, andere liegen so weit auseinander, dass man mit dem Bus dorthin fahren muss. So verlieren Sie schnell den Überblick, in welcher Epoche Sie sich gerade befinden. Von der ältesten der fünf Städte zeugen heute nur noch flache Erde und ein paar Hügel.
Lange bevor es die Seidenstraßen-Route überhaupt gab, lag hier schon eine eigene Handelswelt. Erst 1972 wurde rund 60 Kilometer nördlich von Merv die Stadt Gonur Depe wiederentdeckt, die die zentrale Siedlung einer bis dahin kaum bekannten Bronzezeit-Kultur war. Freigelegt wurden ein Palast, eine befestigte Lehmziegel-Anlage mehrere Tempel mit Feueraltären. Bis heute gibt es an der Stätte keine Absperrungen. Wer sie besucht, läuft frei zwischen den Grabungsfeldern und erspäht halb aus der Erde ragende Fundstücke. Wenige Kilometer weiter kann man Archäologinnen und Archäologen bei der Arbeit zusehen. Wer auf einer Karakum-Reise mit DIAMIR Erlebnisreisen hier übernachtet, kann auch nach Sonnenuntergang noch zwischen den Ausgrabungen umherlaufen, während die Reiseleitung nebenan das Abendessen zubereitet.
Vom Karawanenweg zum Sowjetprojekt
Rund 3600 Jahre nach den letzten Feuern in den Tempelaltären von Gonur Depe griff eine ganz andere Macht in dieselbe Wüste ein, dieses Mal jedoch mit einem gezielten Großprojekt. Ab 1954 legte die Sowjetunion den Karakum-Kanal an. Er ist rund 1375 Kilometer lang und bis heute einer der längsten Kanäle der Welt. Ziel war der großflächige Anbau von Baumwolle, ein Projekt, das Moskau über Jahrzehnte wirtschaftlich vorantrieb. Rund 90 Prozent des Wassers, das Turkmenistan nutzt, kommen über diesen Kanal aus dem Fluss Amudarja.
Der Kanal ist nicht ausgekleidet, sondern verläuft als Erdkanal mitten durch den Sand der Karakum. Große Mengen Wasser versickern dort, bevor sie ihr Ziel erreichen. Genau dieses Wasser fehlt Hunderte Kilometer weiter nördlich, denn es müsste eigentlich über den Fluss Amudarja in den Aralsee in Usbekistan und Kasachstan fließen. Zusammen mit ähnlichen Abzweigungen in Usbekistan gilt der Kanal deshalb als einer der wesentlichen Gründe dafür, dass der einst viertgrößte See der Erde heute auf rund ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft und in mehrere Restseen zerfallen ist.
Das Leben zwischen den Dünen der Karakum-Wüste
Weit von den Erdwällen des Kanals entfernt holen Menschen ihr Wasser heute noch aus einfachen Brunnen. Wer bei diesen Oasendörfern an eine grüne Insel mit Palmen und einer Wasserstelle denkt, irrt sich allerdings. Um die Brunnen gruppieren sich Häuser und Jurten in denselben Beige- und Grautönen wie die Umgebung. Je nach Größe leben in einer solchen Siedlung 50 bis 200 Familien.
Der Rhythmus dieser Dörfer hat sich über die Jahrhunderte leicht geändert. Früher zogen Familien mit ihren Herden durch die Karakum-Wüste und die Jurte war ihr tragbares Zuhause. Heute besitzt jede Familie im Dorf ein festes, kühl-schattiges Steinhaus für den Sommer und auch die Jurte für den Winter bleibt stehen. Nur im Mai lebt die alte Wanderbewegung noch einmal auf, wenn Schafe und Ziegen mit einem Teil der Familie auf die Wüstenweiden ziehen. Deshalb sitzen in dieser Zeit auch deutlich weniger Kinder in der Schule als sonst.
Für ein Dorf dieser Größe lohnt sich vieles nicht, was anderswo selbstverständlich ist. Eine eigene Schule oder Ärzte gibt es in vielen Oasen nicht. Dann teilen sich mehrere Siedlungen beides. Strom kommt abends vom Generator. Milch und Fleisch liefern die eigenen Ziegen und Schafe, für alles andere sorgt gelegentlich ein Lieferwagen mit dem Nötigsten. Gegessen wird, wie in weiten Teilen Zentralasiens, nicht am Tisch, sondern auf dem Teppich. Er dient tagsüber als Sitzfläche und Tafel, nachts wird er zum Bett.
Wie schnell das karge Leben in diesen Wüstensiedlungen in Gastfreundschaft umschlagen kann, hat unsere DIAMIR-Kollegin Vera Simova bei ihrer ersten Karakum-Tour erlebt. Eine Familie lud sie spontan in ihre Jurte ein. Die Frauen kochten über offenem Feuer, schüchtern lachende Kinder kamen nach und nach aus der Dunkelheit hervor und der Geruch von Rauch hing in der Luft. Wenn Sie hier auf einer Turkmenistan-Reise von DIAMIR Erlebnisreisen übernachten, erhalten Sie solche Einladungen immer wieder, mal zum Tee, mal zum Zuschauen beim Kamelmelken. Andere Kapitel von Turkmenistans Wüste, wie Gonur Depe, mussten Forschende erst freilegen. Dieses öffnet sich von selbst, sobald Sie vor der Jurte stehen.
Der Gaskrater von Derweze: Das Tor zur Hölle
Ausgerechnet der bekannteste Ort der Karakum hat vermutlich die kürzeste Zukunft vor sich. Der Gaskrater von Derweze, auch als „Tor zur Hölle" bekannt, brennt seit den 1970er-Jahren. Sowjetische Ingenieure stießen damals bei einer Probebohrung auf instabilen Untergrund, der Boden brach ein. Um das austretende Gas nicht unkontrolliert entweichen zu lassen, entzündete jemand es, in der Annahme, es würde nach wenigen Wochen von selbst erlöschen.
Der Krater liegt weit draußen in der Karakum-Wüste, fast neunzig Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Mit rund 70 Metern Durchmesser und etwa 20 Metern Tiefe ist er größer, als die meisten Fotos vermuten lassen. Schon von Weitem kündigt ihn ein kräftiger Schwefelgeruch an, der zusammen mit der Hitze aus dem Boden aufsteigt. Tagsüber wirkt er trotzdem eher unscheinbar. Erst wenn es dunkel wird, zeigt sich das eigentliche Schauspiel. Tausende kleine Flammen brennen fast ohne sichtbaren Rauch und tauchen die Nacht in ein oranges Glühen. Vom nahen Jurtencamp aus, etwa 300 Meter entfernt, lässt sich dieses Glühen bis spät in die Nacht beobachten.
Ganz nah heran kommt jedoch niemand mehr. Ein Sicherheitszaun hält Besuchende rund drei Meter vom Kraterrand entfernt, seit einige Reisende für das perfekte Foto näher herangingen, als die brüchige Abbruchkante erlaubt. Was heute noch als eindrucksvolles Schauspiel gilt, könnte schon in wenigen Jahren nur noch eine Erzählung sein.
Gut zu wissen: Wie lange brennt der Krater noch?
Seit die Regierung 2022 anordnete, das Feuer zu löschen, wurden rund um den Krater Bohrungen angelegt, die einen Teil des Gases abfangen. Bis August 2025 war die Hitzeabgabe dadurch bereits um mehr als 75 Prozent gesunken. Von einst großflächigen Flammen sind heute nur noch einzelne kleinere Feuer übrig. Als Gründe nennt die Regierung sowohl die Umweltbelastung durch das freigesetzte Methan als auch den wirtschaftlichen Verlust der ungenutzt verbrennenden Ressource. Ende 2025 kündigte Turkmenistan einen konkreten Plan an, der darauf abzielt, den Krater vollständig zu löschen. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Ob das Feuer in den kommenden Jahren endgültig erlischt oder noch länger brennt als angenommen, lässt sich derzeit nicht vorhersagen.
Der lange Weg in die Karakum
Bevor Sie durch die Karakum-Wüste reisen können, müssen Sie zunächst einmal ins Land kommen, und das ist in Turkmenistan seit der Unabhängigkeit 1991 keine Selbstverständlichkeit. Individualtourismus gibt es praktisch nicht, denn jede Reise braucht ein offizielles Einladungsschreiben und damit eine Agentur vor Ort, die es beantragt. Ein Direktflug ab Frankfurt existiert zwar, ist aber kaum verlässlich buchbar, weshalb die meisten unserer Gäste über Istanbul anreisen.
Auch für unsere Partneragentur vor Ort ist die Arbeit in einem politisch unberechenbaren Land kein leichtes Geschäft. Regeln ändern sich kurzfristig und Pläne müssen oft von einem Tag auf den anderen angepasst werden. Seit 2015 arbeitet DIAMIR Erlebnisreisen mit derselben Agentur zusammen – lange genug, dass daraus ein paar Ausnahmen entstanden sind. Am Yangikala Canyon durfte sie für unsere Gäste eine Herberge bei der Pilgerstätte Gözli Ata mit Duschen und Toiletten ausstatten. Den Schlüssel dafür besitzt nur unsere Agentur vor Ort. Für die Karakum-Durchquerung steht außerdem ein eigener Fuhrpark bereit, der unsere Gruppen nicht wie bei den meisten anderen Reiseveranstalter üblich auf geteerten Straßen um die Wüste herumführt, sondern mit Übernachtungen zwischen den Dünen mitten hindurch bis nach Merv.
Am Ende bleibt von der Karakum kein einzelnes Bild, sondern mehrere, die übereinanderliegen. Was diese Wüste prägt, sind die Spuren, die sowohl Natur als auch Menschen in ihr hinterlassen haben. Mehr über das Land dahinter erfahren Sie in unserem Beitrag über die vermeintliche Leere Turkmenistans.
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