Der Mann mit den 800 Kotztüten
Wie aus einem Stück Papier eine Bürolegende wurde
„Jede Spucktüte ist ein handfester Beweis nach einem Flug, mit dem er sagen kann: Ich habe es geschafft, ich bin da durchgekommen."
Im Dresdner Büro von DIAMIR Erlebnisreisen steht eine Kiste, die auf den ersten Blick wenig hermacht. Darin stapelt sich Papier. Scheinbar ohne System, dafür sehr bunt. Wer genauer hinschaut, findet circa 800 Kotztüten aus aller Welt, von der Lufthansa bis zu Africa Airlines, einer Fluggesellschaft für Inlandsflüge im Kongo. Gesammelt hat sie ein Mann, der beruflich Reisende in die entlegensten Ecken der Welt schickt und der selbst noch nie eine davon gebraucht hat – Steffen Wetzel, unser Reiseexperte für Ozeanien.
Was steckt eigentlich dahinter, wenn jemand über Jahrzehnte hinweg systematisch das aufhebt, was andere am liebsten nie in die Hand nehmen würden? Die Antwort beginnt 1995 mit einer einzigen grauen Spucktüte und einer Backpackerreise durch Ostasien.
Die erste Kotztüte
1995 ist Steffen Wetzel 23 Jahre alt und hat gerade das zweite Studienjahr im Fach Bauingenieurwesen hinter sich. Mit drei Freunden bricht er zu seiner ersten Backpackerreise auf. Das erste Ziel ist Hongkong. Der Flug kostet 1250 DM. Gebucht wird er bei einer Mitarbeiterin eines Reisebüros, mit der Steffen heute zusammenarbeitet, da das Büro inzwischen DIAMIR-Reisen im Portfolio hat. Seine Eltern unterstützen ihn finanziell, denn sie wollen ihm das Abenteuer unbedingt ermöglichen.
Und ein Abenteuer wird es. Ohne Handy und mit den damals schon veralteten Papier-Reiseführern reist die Gruppe anschließend über den Landweg von Hongkong nach Neu-Delhi, durch China, Tibet und Nepal. Steffen wollte schon immer wie Luke Skywalker auf fremde Planeten reisen, und Asien fühlt sich für ihn genau danach an. Acht Wochen lang ist er mit seinen Freunden der einzige Deutsche auf den Märkten, wird neugierig angeschaut, sieht und erlebt mehr, als er sich vorher ausmalen konnte.
Das Souvenir, das von dieser Reise übrig bleibt, ist allerdings denkbar unspektakulär. Eine graue Papiertüte von Lufthansa, die acht Wochen im Rückenteil des Rucksacks übersteht. Mitgenommen hat Steffen sie nicht aus Sentimentalität, sondern aus Pragmatismus: Lufthansa-Flüge sind teuer, die Tüte ist kostenlos.
Eine Leidenschaft, die wächst
Richtig los geht es mit der Sammlung erst Jahre später. Steffen ist inzwischen bei DIAMIR Erlebnisreisen eingestiegen, zunächst zwei Jahre lang als Reiseleiter. In dieser Zeit reist er so viel wie nie zuvor. Aus der einen grauen Kotztüte werden schnell Dutzende mit kunterbunten Aufdrucken.
Ganz überraschend kommt das nicht. Schon als Bauleiter hat Steffen gesammelt. Damals sind es noch Zollstöcke und mit der Zeit weiß das jede Firma auf der Baustelle. Wer neu dazukommt, zückt gleich den eigenen und gibt ihn dazu. Der Job ist schließlich nicht der passende und die Reisebranche erscheint Steffen attraktiver. Am Ende hat Steffen nur einen einzigen behalten: den Zollstock vom Bau des Bundeskanzleramts mit aufgedrucktem Bundesadler. Die Sammelleidenschaft liegt ihm also irgendwie im Blut. Sobald sein Weg vom Bau zum Reiseveranstalter führt, geht der Griff eben zur Papiertüte statt zum Meterstab.
Bei DIAMIR Erlebnisreisen nimmt die Kotztütensammlung ab 2007 spürbar an Fahrt auf. Fast automatisch wandern die Spucktüten während der zahlreichen Flüge ins Handgepäck. Bemerkt hat Steffen das erst so richtig, als das Büro umzieht und die inzwischen schwere Kiste voller Kotztüten bewegt werden muss. Beim DIAMIR-Reisefestival Globetrottertage, das damals noch in Hellerau stattfindet, wird die Sammlung dann an hundert Meter langen Wäscheleinen quer über die Eventlocation gehängt und wirkte fast wie bunte Gebetsfahnen in Nepal. Aus einer Handvoll Papiertüten ist da längst eine echte Attraktion geworden.
Die ganze Firma sammelt mit
Es dauert nicht lange, bis sich seine Vorliebe im Büro herumspricht, und plötzlich bringen alle von ihren Reisen Tüten mit. Steffens treueste Versorger sind die drei Geschäftsführer Jörg, Markus und Thomas, Marketingchef Michél und Reiseberater bzw. Reiseleiter André. Jeden Monat kommen zwei bis drei neue Exemplare dazu. Die Sammlung ist längst nicht mehr nur seine. Sie gehört inzwischen ein bisschen dem ganzen Team, denn nur ungefähr 5 Prozent der Kotztüten stammen von Steffen selbst.
Besonders stolz ist er auf eine Tüte vom Jungfernflug von Bhutan Airlines, ein Geschenk vom Chef einer DIAMIR-Partneragentur, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verbindet. Vor allem die unbekannten Fluglinien haben es Steffen angetan: Jörg bringt Spucktüten von antarktischen Airlines mit, Thomas versorgt ihn mit Exemplaren von Buschfliegern aus ganz Afrika.
Wie (un)ernst Steffen das Ganze nimmt, zeigt sich am besten daran, wie leicht er seine Sammlung hergibt. Im Zuge einer Kooperation mit dem Verkehrsmuseum Dresden kommt die Idee auf, Teile seiner Sammlung auszustellen. Als es dann darum geht, geeignete Exemplare auszuwählen, ist Steffen auf Reise. Die Kolleginnen dürfen sich mit expliziter Erlaubnis besonders schöne Stücke aussuchen. Er wird sie ja schließlich zurückbekommen.
Auch vor dem Verkauf scheut er sich nicht. Als er vor einigen Jahren sechs Exemplare derselben Tüte mit Pikachu-Motiv auf einer Auktionsplattform anbietet, wird er vom Wert überrascht. Circa 20 Euro erhält er pro Exemplar. Ganz allein ist er mit seiner Vorliebe im Übrigen nicht. Es gibt weltweit eine echte Szene von Sammlern und Händlern, die sich auf verschiedenen Websites organisiert. Dort werden auch die ganz großen Trophäen gehandelt. Die seltensten Tüten stammen angeblich von der Air Force One der US-Präsidenten und der Raumstation ISS.
So sehr Steffen die Tüten liebt, gebraucht hat er zum Glück noch nie eine. Sobald er ins Flugzeug einsteigt, greift er als Erstes in die Sitztasche vor sich, um zu prüfen, ob dort eine Tüte mit Aufdruck wartet. Alles ohne Druck ist für die Sammlung wertlos. Eingesteckt wird sie aber erst am Ende des Fluges, für den Fall, dass sie doch noch benötigt wird. Bleibt sie unbenutzt, schaut Steffen kurz, ob gerade jemand hinsieht, und nimmt seine eigene sowie die des Nachbarn unauffällig mit. Für die Sammlung gilt eine einzige feste Regel: Nur unbenutzte Exemplare kommen hinein.
Was hilft gegen Übelkeit im Flugzeug?
Für alle Reisenden, denen tatsächlich einmal übel wird, hat Steffen zwei bewährte Mittel. Das erste sind Bachblütentropfen, die er sich selbst gerne mal unter die Zunge träufelt, oder ersatzweise ein Bonbon. Wird ihm zusätzlich schwindelig, schwört er auf ein Glas Cola, um den absackenden Kreislauf wieder hochzufahren.
Auch abseits von Steffens Erfahrungen gibt es einige bewährte Tipps gegen Übelkeit im Flugzeug:
- Sitzplatz zentral, über den Tragflächen wählen: Dort sind die Bewegungen des Flugzeugs am wenigsten zu spüren.
- Den Blick nach draußen richten: Ein fester Punkt am Horizont kann helfen, die widersprüchlichen Signale zwischen Augen und Gleichgewichtsorgan zu verringern.
- Leicht essen: Vor dem Abflug sind kleine, gut verträgliche Mahlzeiten besser als schwere oder fettige Speisen.
- Genügend trinken: Eine gute Flüssigkeitszufuhr kann Beschwerden vorbeugen; Alkohol sollten Sie möglichst meiden.
- Akupressurbänder ausprobieren: Manche Reisende schwören auf elastische Bänder fürs Handgelenk, die an einem bestimmten Punkt Druck ausüben, um Reiseübelkeit zu lindern. Wissenschaftlich bestätigt ist das allerdings nicht.
Die Kotztüte als Trophäe
Man könnte meinen, wer beruflich so viel fliegt wie Steffen, hat Flugroutine. Ganz trifft das bei ihm nicht zu. Am Gate ist noch alles entspannt, doch sobald es ins Flugzeug geht, macht sich die Nervosität breit. Erst der Blick in die Sitztasche nach der vertrauten Tüte lässt sie etwas abklingen. Dennoch bleibt bei Start und Landung jedes Mal ein mulmiges Gefühl zurück. Extrem ist die Flugangst nicht, aber Steffen ist immer wieder froh, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Genau hier setzt die Theorie seiner Frau an: Die Kotztüten-Sammlung sei weniger ein Hobby als eine Trophäensammlung, die der Kompensation seiner Flugangst dient. Jede Spucktüte ist ein handfester Beweis nach einem Flug, mit dem er sagen kann: Ich habe es geschafft, ich bin da durchgekommen. Und einige der Flüge, die diesen Satz rechtfertigen, hat Steffen tatsächlich erlebt.
Auf einem Flug von Myanmar nach Bangkok mit einer burmesischen Airline, einer ausrangiert wirkenden Maschine und Beschriftungen, die Steffen nicht lesen kann, muss die Crew wegen eines Taifuns 45 Minuten lang über dem Zielflughafen kreisen. Währenddessen rütteln Blitz und Donner das Flugzeug durch und die Kabinenbeleuchtung fällt aus. Steffen hat sich eine Zeitung mitgenommen, um sich abzulenken. Am Ende der Landung ist sie nur noch ein feuchter Klumpen in seinen Händen, und als das Flugzeug endlich aufsetzt, kann er nur noch aussteigen und den Boden küssen.
Trotz solcher Erlebnisse hält Steffen grundsätzlich an seinem Vertrauen in Technik und Crew fest. „Die Menschen im Cockpit wollen schließlich auch sicher landen“, sagt er dazu ganz nüchtern. Die Neugier und das Entdecken-Wollen sind bei ihm ohnehin größer als die Angst. So betrachtet ist die Kiste in seinem Büro am Ende weniger eine skurrile Sammlung bedruckter Papiertüten als ein kleines Archiv all der Momente, in denen es am Ende wie in den allermeisten Fällen gut ausgegangen ist.
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