Wenn die Dunkelheit über das Hinterland der Gazelle-Halbinsel hereinbricht, ist die Anspannung der Dorfgemeinschaft förmlich zu spüren. Ein gewaltiges Feuer wird entfacht. Trommelschläge und geheimnisvolle Gesänge hallen durch die Nacht. Im Feuerschein springt ein Tänzer aus der Dunkelheit. Der Sing-Sing beginnt.
Man kann es sich nur noch schwer vorstellen, aber die Insel Neubritannien gehörte einst zu den deutschen Überseegebieten. Die Spuren deutscher Kolonialgeschichte sind längst verschwunden und finden sich allenfalls noch auf alten Karten und Fotos wieder. Namen wie Neulauenburg, Neumecklenburg oder Neupommern muten in diesem Teil der Welt – mit seinen aktiven Vulkanen, palmengesäumten Inseln und dem azurblauen Ozean – ohnehin eher deplatziert an.
Bei den Baining auf New Britain
Heute ist das hügelige Hinterland der Gazelle-Halbinsel wieder die alleinige Heimat der Menschen vom Volk der Baining. Bekannt sind die Baining als geschickte Jäger – sämtliches Bushmeat auf den Märkten in Kokopo und Rabaul wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von ihnen erlegt. Und für die Herstellung ihrer einzigartigen Sing-Sing-Masken. Schätzungsweise 12.000 Menschen fühlen sich dem Volk der Baining zugehörig. Doch mit solchen Zahlen verhält es sich in Papua-Neuguinea wie mit den Flugzeiten der Air Niugini: Man sollte sie besser nicht allzu ernst nehmen.
Das Feuer der Vulkane
Es wird vermutet, dass der Feuertanz der Baining durch das Leben in der Nähe der Vulkane Neubritanniens inspiriert wurde. Der Anblick der typisch kegelförmigen Bergkuppen empfängt Reisende bereits am Flughafen. Erst 1995 brachen zwei dieser furchterregenden Feuerberge in der Nähe Rabauls aus. Die Asche von Tavurvur und Volcan begrub große Teile der Stadt unter sich und sorgte gleichermaßen dafür, dass auch die letzten Hinterlassenschaften deutscher Kolonialarchitektur verschwanden. Die letzte größere Eruption des Tavurvur ereignete sich 2014. Mit dem Mount Ulawun befindet sich auf New Britain zudem einer der gefährlichsten und aktivsten Vulkane Papua-Neuguineas.
Masken nur für einen Tanz
Um die ikonischen Masken für den Baining-Feuertanz ranken sich zahlreiche Geheimnisse. In einer Welt, in welcher Geschichten und Geschichte nur von Mund zu Mund überliefert werden, sind verlässliche Quellen rar. Auch werden die Baining wortkarg, wenn es um die genauen Inhalte ihrer Rituale und Lebensweisen geht.
Bekannt ist, dass die Masken in einem aufwendigen Prozess, der sich über mehrere Wochen hinziehen kann, ausschließlich von Männern hergestellt werden. Dazu wird ein Rattangeflecht mit „tapa“ – handgefertigtem Rindenbast aus der Borke des Maulbeerbaumes – bespannt. Anschließend werden die Masken noch mit roter, schwarzer und weißer Naturfarbe verziert. Zum Sing-Sing bemalen die Tänzer ihre Körper dann mit schwarzer Farbe und tragen eine Art aus Gräsern und Fasern bestehenden „Rock“.
Auf einen Tanz mit der Phyton
Das „Spiel mit dem Feuer“ wird zu unterschiedlichsten Anlässen aufgeführt: nach einer besonders guten Jagd, zu einer Trauerfeier oder Vermählung und mittlerweile durchaus auch einmal zu einer Ladeneröffnung in der neuen Provinzhauptstadt Kokopo.
Nicht ungewöhnlich ist beim Sing-Sing der Baining der Anblick von Pythonschlangen, die beim Tanzen umhergetragen werden. Und am nächsten Tag gekocht und verspeist werden. Die Python gilt als die Verkörperung der höchsten Gottheit der Baining.
Wie überall in Papua-Neuguinea ist der Sing-Sing jedoch auch zentrales Element bei der Initiation junger Männer in die Erwachsenenwelt. In diesem Fall führt ein Pate den zu initiierenden Neuling in die Kunst des Maskenbaus ein. Die Masken selbst werden traditionell nur einmal verwendet.
Die Nacht bricht herein
Wer sich als Tourist noch bei der Ankunft auf dem Tanzplatz über den gewaltigen Stapel an Holzscheiten und Ästen wunderte, wird schnell verstehen, warum die Dorfgemeinschaft eine solche Menge an Brennmaterial herbeigeschafft hat. Unter den Gesängen und Trommelschlägen einer Männergruppe wird nach Einbruch der Dunkelheit ein gewaltiges Feuer entfacht. Erst wenn die Flammen hoch schlagen und die Glut hell leuchtet, betreten die ersten Tänzer den Platz.
Drei unterschiedliche Maskentypen wechseln sich ab und stellen sich mit stampfenden Tanzschritten vor. Als Tourist bekommt man vor allem die Lingan- und Kavat-Masken zu sehen. Lingan-Masken werden von noch unerfahrenen Tänzern getragen und erinnern ein wenig an einen übergroßen Hut mit wippender Antenne. Das Gesicht des Trägers ist nicht zu sehen, jedoch scheint er noch eine relativ gute Sicht zu haben. Die imposanten Kavat-Masken hingegen werden so auf den Kopf des Tänzers gebunden, dass er sich nur durch den Sichtschlitz im „Schnabel“ der Maske orientieren kann. Zudem wiegen die Kavat durchaus drei bis fünf Kilogramm, was Ausdauer und ein Gleichgewichtssinn erfordert. Die Vungvung-Masken - um ein Bambushorn und einen langen Stab am Hinterkopf ergänzte Kavat-Masken - sind nur den besten Tänzern vorbehalten und selten zu sehen.
Dann steigert sich die Dramatik und erste Maskentänzer springen durch die Glut. Funken fliegen. Glimmende Holzscheite werden mit den nackten Fußsohlen durch die Nacht getreten. Die Masken stellen verschiedene Waldgeister und Spirits dar. Der Sing-Sing ist ein Kampf mit der Magie der Nacht und Tanz mit den Elementen.
Für den Zuschauer bleibt es letztendlich ein Geheimnis, welcher Tänzer bereits ins Feuer gestiegen ist oder welcher neu hinzugekommen ist. In größeren Dorfgemeinschaften rotieren die Männer untereinander, um das Spektakel bis zum Sonnenaufgang durchzustehen. Doch manch einer tanzt in Ekstase auch die ganze Nacht hindurch. Immer wieder wird Holz nachgelegt und die Gesänge werden lauter. Der Geruch von Feuer und Schweiß liegt in der Luft. Bei den Baining. Auf der Insel Neubritannien.
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