Zu Gast bei den Sherpa in Nepal
Seit über 25 Jahren auf gemeinsamen Wegen im Himalaya
„Ein aufmunterndes Lächeln am Steilhang, das intuitive Nachschenken des Tees oder die helfende Hand im richtigen Moment lassen die Rollen von Veranstalter und Reisegast verschwimmen. Man wird zu einer Seilschaft, die weit über den Gipfel hinaus zusammenhält.“
Wenn man nach der Landung in Kathmandu aus dem Terminal tritt, spürt man es sofort: diese Reise wird anders. Obwohl sie in der Saison rund um die Uhr viel zu tun hat, fährt Pema Doma Sherpa, die Chefin des Kathmandu View Hotels, nach wie vor oft selbst zum Flughafen, um Gäste abzuholen. Und noch bevor das erste „Namasté“ über ihre Lippen kommt, bekommt man eine leuchtend orangefarbene Blumengirlande aus Studentenblumen um den Hals gelegt. Ihr herber Duft und ihr kühles Gewicht sind weit mehr als ein nettes Fotomotiv. Sie sind das erste Versprechen einer Verbundenheit, die uns sicher durch den Himalaya begleiten wird.
Vom Blütenduft zu Minusgraden
Doch so herzlich das Willkommen im bunten Chaos von Kathmandu auch ist – die wahre Prüfung dieses Versprechens wartet ein paar tausend Höhenmeter weiter oben. Dort, wo die Luft dünner wird und die Blumengirlanden längst gegen dicke Daunenjacken getauscht wurden.
Es ist 18 Uhr im Oktober. Sobald die Sonne hinter den massiven Flanken der Sechstausender verschwindet, zeigt das Khumbu-Tal schlagartig sein eisiges Gesicht. Die Temperatur stürzt ins Minus, und über die Gipfel legt sich eine absolute Dunkelheit. Hier oben gibt es kaum Lichtverschmutzung. Nur das tiefe Schwarz der Nacht und das klare Leuchten der Sterne. Wer jetzt noch draußen steht, spürt, wie die Kälte mit jeder Minute Einzug hält. Wir sind in der Heimatregion der Sherpa.
Hinter der knarrenden Holztür der Trekking-Lodge bollert der Ofen mit getrocknetem Yak-Dung, und der Duft von Linsen und Ingwer hängt schwer und verheißungsvoll in der Luft. Während die Gäste langsam auftauen, mischt unser Guide Pasang Doma Sherpa bereits die Karten für die erste Runde Marriage. Dieses strategisch anspruchsvolle Kartenspiel ist ein absoluter Favorit unter den Sherpa. Mit drei Kartendecks und höchster Konzentration gespielt, schweißt es die Gemeinschaft rund um den Lodge-Ofen jeden Abend aufs Neue zusammen.
Spätestens jetzt, beim ersten dampfenden Becher Zitronentee nach einem langen Trekkingtag, verschwimmen die Rollen. Wir sind nicht mehr nur Besucher bei den Sherpa, sondern wie ein Gast unter Freunden. In dieser einfachen, ehrlichen Gemütlichkeit spürt man, was DIAMIR Erlebnisreisen im Kern ausmacht: hier ist eine Bindung entstanden, die weit über das Geschäftliche hinausgeht und am Gipfel im Himalaya vor über 25 Jahren geboren wurde.
Wanderer gegen den Strom
Wer das Wort „Sherpa“ hört, denkt meist an Gipfelfotos, schwere Rucksäcke und Sauerstoffmasken. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Begriff über die Jahrzehnte zu einem Synonym für „Höhenträger“ oder „Guide“ verschwommen. Tatsächlich sind die Sherpa eine der über 100 ethnischen Gruppen Nepals. Übersetzt bedeutet es schlicht „Volk aus dem Osten“ (Shar = Ost, Pa = Volk), was auf ihre Migration aus Tibet vor über 500 Jahren hindeutet. Wenn wir also von Sherpa sprechen, meinen wir ein Volk mit einer eigenen Sprache, einer tiefen buddhistischen Verwurzelung und einer beeindruckenden Anpassungsfähigkeit an die Moderne.
Während die meisten Völker das milde Flachland suchten, zogen die Sherpa bewusst über vereiste 5000-Meter-Pässe in die Einsamkeit des Himalaya. In der „obersten Etage der Welt“ fanden sie den idealen Raum für ihre buddhistische Lebensweise und passten sich über Generationen auch physisch an den Sauerstoffmangel an. Wer heute mit uns durch diese Täler wandert, begegnet einer Kultur, die das Hochgebirge nicht als Hindernis, sondern als ihre ganz bewusst gewählte Heimat versteht.
Übrigens: Viele fragen sich (und uns), warum sich die Namen der Sherpa so oft ähneln. Das Geheimnis liegt in einer traditionellen Namensgebung, bei der Kinder oft nach dem Wochentag ihrer Geburt benannt werden. So bedeutet der Name Nima schlicht „Sonntag“, ganz unabhängig vom Geschlecht.
Nicht jeder Sherpa ist ein Bergführer
In der täglichen Zusammenarbeit begegnen wir einer vielschichtigen Gesellschaft, in der die Berge zwar weiterhin eine Rolle spielen, aber nicht alles definieren. Viele Sherpa-Familien leben bis heute als Bauern, züchten Yaks und einige (wenige) widmen ihr Leben als Mönche der Spiritualität in den Klöstern des Hochlands. In den Städten und auch außerhalb Nepals treffen wir Angehörige der Sherpa, die als studierte Betriebswirte unsere Logistik steuern, als IT-Spezialisten arbeiten oder als Unternehmer die moderne Zukunft Nepals gestalten. Oft arbeiten sie auch im Ausland – unter anderem auch als Koch oder Servicekraft in vielen Alpenberghütten in Österreich. Daheim sind es oft die Sherpani, die Frauen der Gemeinschaft, die mit großem geschäftlichem Geschick Lodges und Hotels führen. Sie bilden das soziale Rückgrat der Dörfer, während die Männer auf Reiseleitung oder im Ausland arbeiten.
Der Beruf des Bergführers ist nach wie vor weit verbreitet und für junge Sherpa-Männer ein begehrtes Statussymbol. Jedoch erfüllen nur die wenigsten Mountain Guides das Klischee und tragen viel zahlenden Kunden die Sauerstoffflaschen auf den Mount Everest. Vielmehr sind es unzählige Trekkinggruppen, die Saison für Saison mit guten Fremdsprachkenntnissen und profundem Wissen über die Bergwelt sicher von A nach B geleitet werden wollen. Die charismatischen Sherpa-Guides prägen zugleich unterhaltsam und informativ nicht nur den Gesamteindruck einer Trekkingreise, sondern sorgen auch dafür, dass Nepal das Land mit der höchsten Wiederholerquote aller Destinationen weltweit ist: wer einmal hier unterwegs war, kommt (immer) wieder!
Ein Fehlstart als Glücksfall: Wie alles begann
1997 reisten Jörg Ehrlich und Markus Walter, zwei der Geschäftsführer von DIAMIR Erlebnisreisen, als junge Studenten zum ersten Mal nach Nepal. Das ehrgeizige Ziel: der Gipfel des Mount Everest. Diese ambitionierten Expeditionspläne wurden zu einem Wendepunkt, der maßgeblich zur späteren Gründung von DIAMIR Erlebnisreisen beitrug, denn leider sollte aufgrund einer pleitegegangenen Expeditionsagentur aus dem Vorhaben nichts werden. Zusammen mit ihrem Team mussten die beiden in Kathmandu ihr verbliebenes Geld zusammenkratzen und einen neuen Plan schmieden. So kam es, dass die Tour mit dem Bergführer Mingmar Sherpa schließlich Richtung Cho Oyu ging (der nach dem Everest meistbestiegene Achttausender), auf dessen 8201 m hohem Gipfel Markus dann schließlich auch stand. Nach der Tour zurück in Kathmandu stellte Mingmar seinen Schwager Nima vor, der gerade dabei war, seine eigene kleine Trekkingagentur zu gründen. Nima hatte einen profunden Businessplan und war für die damalige Zeit schon außergewöhnlich gut digital organisiert. Außerdem waren sich Markus und Nima auf Anhieb sympathisch. Schon zwei Jahre später, im Herbst 1999, war Markus dann erstmals privat mit Nimas neu gegründeter Agentur im Himalaya unterwegs. Obwohl damals einiges schieflief, war klar: Nima und seine Familie wären der perfekte Partner für (wie sich herausstellen sollte viele) weitere Reisen nach Nepal.
Als DIAMIR Erlebnisreisen schließlich im Juni 2000 gegründet wurde, war Nepal neben Peru und Tansania einer der drei wichtigsten Pfeiler im Reiseportfolio – mit zwei Reisen im ersten Katalog. Im darauffolgenden Jahr reiste die erste DIAMIR-Reisegruppe von acht Personen für vier Wochen ins Everest-Gebiet und in den Folgejahren wurde Nepal schnell zum am stärksten nachgefragten Reiseland im gesamten DIAMIR-Portfolio mit knapp 1000 Nepal-Reisenden im Jahr.
Schon bald wurden die damals verfügbaren Unterkunftskapazitäten zu knapp. Nimas ebenso pragmatische wie visionäre Lösung: ein eigenes Hotel musste her! Auch hier unterstützten wir mit fachlicher Expertise und physischem Einsatz und sind heute stolz darauf, sagen zu können, dass wir zusammen mit Nimas Familie das Kathmandu View Hotel mit dem besten Ausblick in ganz Kathmandu nun schon über 15 Jahre lang betreiben. Fast alle Gäste einer DIAMIR-Trekkingreise und viele Gäste unserer Kulturreisen nächtigen dort und schwärmen vom vermutlich besten Frühstücksbuffet in ganz Kathmandu.
Nima selbst hat die Hoteleröffnung leider nicht mehr miterleben können. Viel zu jung riss ihn mit Mitte 30 ein plötzliches Herzversagen aus unserer Mitte, aber seine Familie, allen voran seine Witwe Pema Doma Sherpa, führt seitdem sein Werk mit Hingabe und Detailverliebtheit fort. Tausende Nepalreisende haben die Herzlichkeit und Gastfreundschaft des kleinen Familienbetriebs seitdem zu schätzen gelernt und wenn Pema, die uns auch regelmäßig in Deutschland besucht, mal wieder einen Besuch ankündigt, kann sie sich vor lauter Anfragen für ein Wiedersehenstreffen kaum retten.
Mittlerweile ist auch schon die nachfolgende Generation beteiligt: Pemas Tochter Nyima Choezom, die in Bangkok Tourismusmanagement studiert hat, besucht uns im Sommer 2026 in Dresden, um unsere Arbeitsweise kennenzulernen und für die Zukunft der kleinen Agentur die Weichen zu stellen.
40 Kilo Silikon im Gepäck: Freundschaft die hält
Markus Walter ist mittlerweile fast jedes Jahr in Nepal und Kathmandu für ihn längst zu einem zweiten Zuhause geworden. Die jahrzehntelange Freundschaft zu Nimas Familie machte auch Pemas Entscheidung einfacher, das Kathmandu View Hotel auch ohne ihren Mann zu vollenden und zu betreiben. Und Markus unterstützte den Bau nicht nur mit seinem Fachwissen als studierter Bauingenieur, sondern reiste kurz vor der Eröffnung im Jahr 2007 kurzerhand mit 40 Kilo Silikonkartuschen im Gepäck aus Deutschland an, um vor Ort selbst jede einzelne Fuge zu setzen.
Was damals holprig und intensiv begann, ist heute ein dichtes Geflecht aus engen Freundschaften zwischen vielen DIAMIRis, unseren Gästen, Partnern und der Sherpa-Großfamilie rund um Pema und Nima. Die daraus gewachsene Verantwortung zeigt sich in starken Verbindungen zu Organisationen wie dem Alpinclub Sachsen, NepalMed oder LiScha Himalaya. Hier leisten wir langfristige Unterstützung, die über die zusätzliche akute Nothilfe in Krisen wie Erdbeben weit hinausgeht.
Ein besonderes Herzstück unserer Kooperation ist der fachliche Austausch: Angehende Reiseprofis aus Kathmandu und Dresden profitieren gleichermaßen von Praktika und Weiterbildung bei unseren nepalesischen Partnern oder direkt in unserem Büro in Dresden. Um die Verständigung am Berg noch persönlicher zu gestalten, investieren wir zudem gezielt in Deutschkurse für Guides. Wenn der Sherpa-Guide unsere Reisegäste in fließendem Deutsch begrüßt, öffnet das nicht nur Türen, sondern führt oft zu einem noch tieferen Austausch. So schließt sich der Kreis einer Partnerschaft, die auf Baustellen begann und heute die nächste Generation von Touristikerinnen und Touristikern prägt.
Wenn der Trekkingpfad an der Haustür endet
In der dünnen Luft des Hochgebirges entwickelt sich eine Fürsorge, die keine Hierarchien kennt und auf einem tiefen, buddhistisch geprägten Respekt beruht. Unsere Sherpa-Guides begleiten die Gäste nicht als Dienstleister, sondern als Partner auf Zeit. Diese Unterstützung ist präsent, aber niemals aufdringlich: Ein aufmunterndes Lächeln am Steilhang, das intuitive Nachschenken des Tees oder die helfende Hand im richtigen Moment lassen die Rollen von Veranstalter und Reisegast verschwimmen. Man wird zu einer Seilschaft, die weit über den Gipfel hinaus zusammenhält.
Diese Verbundenheit reicht oft bis hinter die Türschwellen der Steinhäuser. Da unsere Sherpa dort zu Hause sind, wo wir wandern, führen sie uns nicht durch eine Kulisse, sondern durch ihr eigenes Leben. Es sind die ungeplanten Momente, die bleiben: Wenn Guide Pasang am Wegrand einen alten Bekannten grüßt oder uns spontan in eine rauchige Küche einlädt, die nach Milchtee und Herdfeuer riecht. Auf einfachen Holzbänken sitzend, beim Beobachten der Butterlampen am Hausaltar oder auf dem Schulweg mit den Kindern des Dorfes, erfährt man mehr über Nepal als aus jedem Reiseführer. Man wird willkommen geheißen, weil die Familien jenen Menschen vertrauen, die die Gäste mitbringen. In diesem Augenblick beobachtet man das Land nicht mehr nur, sondern wird ein Teil davon.
Die Sherpa und die Zukunft des Tourismus in Nepal
Das Bild der Sherpa hat sich grundlegend gewandelt: Die heutige Generation ist technologisch und wirtschaftlich bestens vernetzt. Satelliten-Internet auf 5000 Metern gehört ebenso zum Alltag wie das Studium in Kathmandu oder im Ausland. Doch dieser Fortschritt ist kein Widerspruch zu tief verwurzelten Traditionen. In den Lodges koordinieren Guides ihre Touren per Smartphone, nur um im nächsten Moment mit derselben Selbstverständlichkeit eine Butterlampe im Kloster zu entzünden oder ein Gebet für das Wohl der Gruppe zu sprechen.
Der Tourismus ist für sie heute die Basis für modernes Unternehmertum. Sie führen Agenturen und investieren in ökologische Lodges und Solarstrom. Doch hinter dem geschäftlichen Erfolg steht ein unerschütterliches Bewusstsein für die eigene Identität. Den Sherpa geht es nicht um bloße Gewinnmaximierung, sondern darum, ihre Heimat und ihre Werte aus eigener Kraft zu bewahren. Ob mit Touristikstudium in Bangkok oder als Tech-Gründer: Es ist beeindruckend zu sehen, wie unsere Partner ihren Weg gehen, ohne ihre buddhistische Gelassenheit oder den Stolz auf ihre Herkunft aufzugeben.
Ein weißes Band zum Abschied
Die bunte Blumengirlande, die allen Reisegästen zur Begrüßung umgehängt wurde, ist längst getrocknet, doch zum Abschied wartet eine Geste, die bleibt: wenn Pema den Reisegästen einen (oder mehrere) Khattas umlegt. Diese hauchdünnen weißen oder gelben Seidenschals sind im Himalaya weit mehr als nur ein Geschenk. Sie stehen für Reinheit, Glück und einen tiefen, gegenseitigen Respekt. Während man durch die Passkontrolle geht und das letzte Mal zurücklächelt, spürt man das feine Band auf den Schultern. Es ist eine greifbare Verbindung zu Menschen entstanden, mit denen man eben noch den Tee geteilt und die dünne Luft der Berge bezwungen hat. Man verlässt Nepal nicht mit leeren Händen. Man trägt ein Stück jener Freundschaft mit sich, die wir ganz bestimmt mindestens weitere 25 Jahren pflegen.
Noch mehr Inspiration? Haben wir!
Neugierig auf mehr Begegnungen?
Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erhalten Sie die neuesten Inspirationen und Reiseangebote weltweit!