Skulptur eines Wächters auf einem Platz mit zwei Personen, weißen Gebäuden und Bergen im Hintergrund, Region unbekannt.

Turkmenistan: Menschen in der Leere

Warum das Land so verlassen wirkt, und es doch nicht ist

Teilen Mirène Wenner 23.09.2026
Stefan Hilger

„Er musste seine Kamera zeigen und die Aufnahmen löschen. Dieses Grundprinzip der Kontrolle prägt das Leben der Menschen in Turkmenistan seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991."

Kornelia Schau

Hitze flirrt über dem Asphalt. Die vierspurige Straße ist frisch geteert, aber kilometerlang taucht kein Auto auf. Wind treibt Sand über den Bordstein. Links und rechts stehen Hotels mit goldenen Kuppeln, Sonnenschirme am Strand spenden Schatten für leere Liegen. Willkommen in Türkmenbaşy, Turkmenistans Ferienstadt am Kaspischen Meer, in die kaum Gäste kommen.

Ähnliche Bilder gibt es im ganzen Land, sowohl in der Hauptstadt Ashgabat als auch mitten in der Karakum-Wüste, die fast 80 Prozent Turkmenistans bedeckt und mit rund 15 Menschen pro Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Regionen der Welt zählt. Manchmal fehlen die Menschen im Straßenbild Turkmenistans, manchmal sieht man sie als Besucher einfach nicht. Wir klären in diesem Beitrag auf, wieso das Land für Außenstehende so leer wirkt.

Das Yyldyz Hotel in Ashgabat zum Sonnenuntergang.
Das Yyldyz Hotel in Ashgabat zum Sonnenuntergang. Stefan Hilger

Turkmenistan, Tourismus und Grenzen

Turkmenistan gehört zu Zentralasien und weltweit zu den am wenigsten bereisten Destinationen. Das Land ist deutlich isolierter als seine Nachbarn Usbekistan oder Kasachstan. Diese haben sich touristisch in den letzten Jahren geöffnet und viele Reisende können dort inzwischen visumfrei oder per E-Visa einreisen. Turkmenistan hält dagegen bewusst an seiner Abschottung fest. Es gibt kaum Direktflüge oder Beziehungen zu anderen ehemaligen Sowjetstaaten. Aktive Werbung um Besucher, wie sie Usbekistan betreibt, bleibt aus.

Diese Haltung spiegelt sich auch in den Einreisebedingungen wider. Für die Einreise nach Turkmenistan braucht es ein offiziell beglaubigtes Einladungsschreiben (LOI: Letter of Invitation). Lizenzierte Reiseagenturen beantragen dieses bei den zuständigen Behörden, die dann über die Genehmigung entscheiden. Individualreisen oder ein selbst zusammengestelltes Programm sind dadurch ausgeschlossen. Wer reist, bucht eine organisierte Rundreise mit festem Ablauf und fester Gruppe. Seit der Jahrtausendwende wurde die Vergabe von Visa mehrfach verschärft und offizielle Besucherzahlen veröffentlicht das Land seit Jahren nicht mehr.

DIAMIR Erlebnisreisen führt seit 2015 Gruppenreisen in Turkmenistan durch und bereitet Gäste dabei bewusst realistisch auf die Einreise in ein totalitäres System vor. Wer vorab weiß, wie eigenwillig Turkmenistan ist, reist zufriedener.

Das Ruhnama-Denkmal, das das gleichnamige Buch von Türkmenbaşy darstellt. Zu seiner Herrschaft war es Pflichtlektüre.
Das Ruhnama-Denkmal, das das gleichnamige Buch von Türkmenbaşy darstellt. Zu seiner Herrschaft war es Pflichtlektüre. Stefan Hilger

Die vielen Regeln für die Menschen in Turkmenistan

Im Alltag vor Ort wird die Eigenwilligkeit Turkmenistans schnell greifbar. Vor den Toren der Hauptstadt Ashgabats liegt ein Viehmarkt. Kamele und Schafe drängen sich im Staub zusammen und es wird laut gehandelt. Als unser DIAMIR-Kollege Stefan Hilger 2015 das Marktgeschehen fotografierte, schloss sich innerhalb von Minuten ein Ring aus Männern um ihn. Er musste seine Kamera zeigen und alle Aufnahmen von Einheimischen löschen. Bilder vom Markt selbst und der Wüste blieben unbeanstandet.

Dieses Grundprinzip der Kontrolle prägt das Leben der Menschen in Turkmenistan seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991. Der erste Präsident der neuen Republik, Türkmenbaşy (Führer der Turkmenen), etablierte einen Personenkult, den sich seine zwei Nachfolger konsequent angeeignet haben.

Turkmenistan gilt offiziell als sicheres Reiseland. Kriminalität wird hart bestraft und genau das macht die Straßen sicher. Diese Strenge hat aber eine Kehrseite: Reisende kennen nicht jede ungeschriebene Regel. Ein unbedachter Verstoß kann im schlimmsten Fall zu einer Gefängnisstrafe führen. Deshalb ist die Einweisung durch unsere Reiseleitung vor Ort so wichtig. Sie erklärt die wichtigsten Regeln, bevor sie zum Problem werden. Trotz dieser Hürden, oder gerade deswegen, lohnt sich eine Reise nach Turkmenistan. Denn ein so wachsames Land erlebt man kaum sonst auf der Welt.

Diese Punkte sollten Sie vor der Turkmenistan-Reise kennen:

  • An öffentlichen Orten ist das Rauchen untersagt und nur an ausgewiesenen Stellen erlaubt.
  • Regierungsgebäude, Bahnanlagen und andere sensible Orte dürfen nicht fotografiert werden.
  • Ein mobiles Datennetz für Ausländer gibt es nicht und Hotel-WLAN ist meist langsam.
  • Für Messenger und soziale Netzwerke ist eine eigene Zugangskarte nötig. VPNs sind untersagt.
  • Der Reisepass sollte jederzeit mitgeführt werden, da Ausweiskontrollen regelmäßig vorkommen.
  • Schultern sowie Knie sollten bedeckt bleiben und für Moscheebesuche empfehlen wir ein Kopftuch.
Zwei turkmenische Frauen.
Ein Kiosk in Turkmenistan.
Bild 1: Zwei turkmenische Frauen. Olaf Schau
Bild 2: Ein Kiosk in Turkmenistan. Olaf Schau

Drei Gesichter eines Landes

Je nachdem, wo Sie sich in Turkmenistan aufhalten, erleben Sie sehr unterschiedliche Welten. Wir geben Ihnen einen Einblick in drei davon.

1. Die belebte Altstadt Ashgabats

In der Altstadt von Ashgabat ist am ehesten spürbar, dass hier tatsächlich rund eine Million Menschen leben. Der Basar wirkt deutlich schöner als der geruchsstarke Viehmarkt vor den Toren der Stadt. Stände, Gewürze und Stoffe reihen sich, ähnlich wie in anderen zentralasiatischen Großstädten, eng aneinander. Dazwischen sehen Sie Denkmäler, Menschen auf dem Weg zur Arbeit und Kinder auf dem Nachhauseweg von der Schule. Dies ist der normale Alltag, ganz anders als der Schein des leeren Turkmenistans.

Die offiziellen Nationalfarben Weiß und Grün zeigen sich jeweils in den Fassaden und Dächern. Sie stehen für Reinheit und Glauben sowie Frieden und Leben. Obwohl die Farben Vorschrift sind, fühlt sich das Stadtbild hier natürlich an. Zwischen den Ständen des Basars und den Fassaden der umliegenden Häuser hat man selten das Gefühl, durch eine Kulisse zu laufen.

Die autoleeren Straßen Ashgabats.
Eine leere Parkanlage in Ashgabat.
Bild 1: Die autoleeren Straßen Ashgabats. Stefan Hilger
Bild 2: Eine leere Parkanlage in Ashgabat. Olaf Schau

2. Die leere Neustadt Ashgabats

Nur wenige Kilometer weiter beginnt ein völlig anderes Ashgabat. Finanziert aus den Erträgen der viertgrößten Erdgasreserven der Welt entstanden hier über 500 weiß verkleidete Marmorgebäude. Mit diesen hält die Stadt gleich mehrere Guinness-Weltrekorde, dazu Superlative wie der einst vierthöchste freistehende Fahnenmast der Welt oder das größte überdachte Riesenrad. Es ist Prunk des Prunkes willen.

Genutzt wird das von den Menschen in Turkmenistan erstaunlich wenig. Eine Wohnung in einem der neuen Viertel können Staatsbedienstete erst nach rund zehn Dienstjahren erwerben, und selbst dann müssen sie die Hälfte der Kosten selbst tragen. Deshalb brennt abends nur in wenigen Fenstern Licht. Eine komplette Olympiastadt mit eigener Hochbahn, gebaut für Spiele, die nie stattgefunden haben, dient heute nur gelegentlich für Kampfsportveranstaltungen. Selbst der eingangs erwähnte Urlaubsort Türkmenbaşy folgt demselben Prinzip: gebaut, aber für die meisten Einheimischen schlicht unerschwinglich.

Frauen rollen einen Teppich in der Karakum-Wüste.
Zwei Kamele in der Karakum-Wüste.
Bild 1: Frauen rollen einen Teppich in der Karakum-Wüste. Stefan Hilger
Bild 2: Zwei Kamele in der Karakum-Wüste. Stefan Hilger

3. Die weite Karakum-Wüste

Verlassen Sie die Städte Turkmenistans, verändert sich das Bild noch einmal grundlegend. Die Karakum-Wüste macht rund 80 Prozent des Landes aus und ist von Dünen, Salzflächen und ausgetrockneten Flussbetten geprägt. Wo das Wasser fehlt, leben auch wenige Menschen, und die Fläche zwischen ihnen ist riesig. Einzelne Oasen selbst wirken deshalb aber nicht zwangsläufig einsam. Dort leben Familien in Lehmsteinhäusern und Jurten, mit einem Brunnen, ein paar Ziegen und einem Generator für Strom. Leer ist vor allem das Dazwischen.

Bei einer Übernachtung in einer Oase merken Sie schnell, wie viel Leben sich hinter dieser Weite verbirgt. Schon im ersten Morgenlicht bellen die Hunde. Abends werden Sie vielleicht zu einem Spaziergang eingeladen, oder auf einen Tee ins Haus. Sie schauen beim Kamelmelken zu oder besichtigen die einzige Schule der Umgebung, in der Kinder aus mehreren Oasen gemeinsam unterrichtet werden. Nachts kühlt es ab und der Sternenhimmel ist unglaublich klar. Nur Ihr Zelt sollten Sie gut schließen, sonst teilen Sie es sich womöglich mit einem Skorpion.

Wie viel mehr die Wüste noch zu bieten hat, von Canyons über Ausgrabungsstätten bis zum berühmten Gaskrater von Derweze, erzählen wir ausführlich in unserem Beitrag über die Karakum-Wüste.

Ashgabat im Sonnenuntergang.
Eine Turkmenische Frau an einer Kochstelle in ihrer Jurte.
Bild 1: Ashgabat im Sonnenuntergang. Stefan Hilger
Bild 2: Eine Turkmenische Frau an einer Kochstelle in ihrer Jurte. Vera Simova

Menschen in Turkmenistan hinter der Fassade

Dass Turkmenistan selbst für Menschen aus den Nachbarländern befremdlich wirkt, hat einen einfachen Grund: Kaum ein anderes Land schottet sich so konsequent nach außen ab. Kein Wunder, dass selbst direkte Nachbarn wenig über das wirkliche Leben von Turkmenistans Menschen wissen. Genau diese Abschottung ist es auch, die das Land von außen so leer wirken lässt. Wer nicht hineinreist, sieht auf Fotos nur stille Fassaden und leere Straßen, aber nicht das Leben dahinter.

Wenige Reiseziele lassen Sie so nah an das Leben in einer Diktatur heran wie Turkmenistan. Hier sehen Sie das breite Spektrum des einzigartigen Alltags in einem strengen politischen System, vom leeren Prunk der Neustadt Ashgabats bis zur selbstverständlichen Gastfreundschaft in den Oasen der Karakum-Wüste.

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