Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Reisebericht zu der Natur- und Wanderreise „Auf Bärenpfaden zum magischen Kronotsky-See“

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Nach zwei Kamtschatka-Reisen in den Jahren 2008 und 2014 erhielt ich 2019 die Möglichkeit, ein weiteres und nur schwer zu besuchendes Highlight der Halbinsel, das im Nordosten gelegene Kronotsky-Naturschutzreservat, zu erkunden. Die Tour war 2018 wegen zu geringer Teilnehmerzahl abgesagt worden – nun sollte sie endlich als Pilotreise stattfinden. Die Gruppe bestand aus fünf Männern, wobei drei Personen zum ersten Mal, eine weitere zum zweiten Mal Kamtschatka besuchten.

Auf meinen früheren Reisen hatte ich mir bereits ein Bild über diverse Vulkan-Regionen im Bereich des aktiven östlichen Vulkangürtels als Teil des Pazifischen Feuerrings machen können, den Kurilensee im Süden erkundet sowie verschiedene Städte und Ortschaften besucht. Das Kronotsky-Naturschutzreservat kannte ich hingegen nur aus Berichten und Fotos. Die russischen Behörden scheinen Permits für diese kostbare Region nur sehr sparsam zu vergeben, um die Belastung durch Touristen zu minimieren, was vernünftig ist. Als positive Konsequenz dieses Prinzips konnte ich eine weitgehend ursprüngliche und wilde Natur in vollen Zügen genießen, ohne, von zwei Ausnahmen abgesehen, auf Touristengruppen zu treffen. Aber dazu später.

Kamtschatka empfing mich mit leichtem Regen, aber durchaus angenehmer Temperatur. Das kleine Hotel in Yelizovo versprach einen gemütlichen Aufenthalt als Regenerationsort im Hinblick auf potentiell kräftezehrende Phasen im Zusammenhang mit den beiden Hauptzielen, dem Kronotsky-Naturschutzreservat im Nordosten sowie dem Hochland im Bereich der aktiven Vulkane „Mutnovsky“ und „Gorely“ im Südosten.

Für Touren in Kamtschatka sollte man sich gut vorbereiten, um unangenehmen Überraschungen vorzubeugen. Dies gilt v. a. für Kleidung, persönliches Equipment und die mitgeführte Reiseapotheke. Wer dies im Vorfeld bedenkt, kann die Wildnis gelassen genießen.

Da das Wetter eine Verschiebung des Helikopterfluges um einen Tag erzwang, wurde der freie Tag für einen Besuch eines schönen Strandabschnitts in der Nähe der Hauptstadt Petropavlovsk-Kamchatsky genutzt, der einen sinnlichen Genuss des Pazifiks ermöglichte. Daran schloss sich eine kurze Stadtbesichtigung an. Empfehlenswert wäre in diesem Zusammenhang, interessierten Personen zukünftig die Besichtigung des Vulkanmuseums „Vulkanarium“ als Vorbereitung auf die diversen Besuche vulkanischer Gebiete zu ermöglichen.

Am nächsten Tag bestieg ich, gemeinsam mit meiner Reisegruppe sowie einigen Tagestouristen einen Helikopter vom Typ MI-8, der uns mit Zwischenstopps im „Tal der Geysire“ und der „Uson-Caldera“ zur „Istock Ranger Station“ am Kronotsky-See transportierte, wo uns der MI-8 samt Tagestouristen verließen. Sowohl das „Tal der Geysire“ als auch die „Uson-Caldera“ sind sehenswerte Geothermalgebiete, die mit ihrer Vielfalt vulkanischer Aktivitäten die unmittelbare Nähe der Glut aus dem Erdinneren unter den eigenen Füßen erahnen lässt. Über angelegte Holzwege werden Besuchergruppen von Rangern zu bestimmten Punkten geführt. Störend wirkte sich für mich die hier erlebte Besucherdichte aus: Dies scheint der Preis für die internationale Berühmtheit beider Orte zu sein, mit der die örtlichen Behörden Geld akquirieren.

Ein ganz anderer Lebensraum offenbarte sich mir am Kronotsky-See, dem größten Kamtschatkas. In genussvoller Stille und ohne Hektik konnte ich in etwas mehr als zwei Tagen das Gewässer an verschiedenen Abschnitten zu Fuß sowie per Boot erkunden. Den perfekt geformten Kronotsky-Vulkan stets im Blick, erlebte ich die beeindruckende Vielfalt der dortigen Tier- und Pflanzenwelt. Ein erster Kontakt mit einem männlichen Braunbären, der unsere Gruppe aufgerichtet neugierig beobachtete sowie einem davonfliegenden Riesenseeadler erregte schnell den fotografischen „Jagdtrieb“. Die vielen unterschiedlichen Bärenspuren entlang des Ufers steigerten spürbar die Lust auf weitere Begegnungen. Die Landschaft ist abwechslungsreich und vom Vulkanismus geprägt. Das Gewässer entstand als Folge eines gewaltigen Ausbruchs des Krasheninnikow, einem Vulkankomplex aus zwei überlappenden Stratovulkanen. Dabei blockierte ein Lavastrom den früheren Abfluss, wodurch sich wiederum das Wasser zu dem heutigen See aufstaute. An der gegenwärtigen Einmündung in den Fluss „Kronotskaya“, der nach ca. 40 km in den Pazifik mündet, befindet sich die moderne „Istock Ranger Station“, in der ich einen angenehmen Aufenthalt erlebte.

Apropos „angenehmer Aufenthalt“: Die für unser Wohlergehen verantwortliche Begleitgruppe gab sich während der gesamten Reise große Mühe, die Tour zu einem sicheren und nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen. Zu keiner Zeit empfand ich in der Wildnis Angst oder Unsicherheit. Auf spezifische Bitten wurde, wenn möglich, eingegangen und ich gewann die Überzeugung, dass alle ihr Land von der besten Seite präsentieren wollten. Dies traf auch auf die Speisen zu, die sehr schmackhaft zubereitet und stets reichhaltig zur Verfügung standen. In diesem Zusammenhang möchte ich zudem Alla Ganster-Kuznetsova erwähnen, die unsere Gruppe als Koordinatorin im Hintergrund stets zuverlässig begleitete, organisatorische Probleme zeitnah behob und durch ihre guten sprachlichen Deutschkenntnisse Sicherheit vermittelte.

Am 6. Tag nach unserer Ankunft auf Kamtschatka fand der angekündigte lange Marsch zum Lager „Aerodrom“ statt. Nach ca. 23 km auf ebener Strecke durch ein ausgedehntes schönes Waldgebiet kamen uns zwei Geländefahrzeuge aus dem neuen Camp entgegen und beförderten die Gruppe die restlichen ca. 5 km aus der Taiga heraus in die Tundra zum nächsten Zielpunkt. Während der gesamten Strecke kam es immer wieder zu Bärenkontakten. Bei unserer Ankunft begrüßten uns zwei stattliche Kamtschatka-Braunbären und erinnerten uns an die Notwendigkeit der vorhandenen Absicherung des Lagers mittels eines elektrisch geladenen Zauns. Der gesamte Gebäudekomplex verströmte eine gepflegte, einladende Atmosphäre. Überraschenderweise existierte im Erdgeschoss des Wohnhauses ein moderner Sanitärbereich mit separater Toilette, Dusche und Waschbecken. Leider erwiesen sich Toilette und Dusche bei der ersten Nutzung als überfordert. Dieses Manko wurde gemeldet und sollte von der verantwortlichen russischen Stelle zeitnah behoben werden. Mit seiner Lage am Ufer des Flusses Kronotskaya und von drei Seiten umgeben von Tundra bot das Camp ideale Möglichkeiten für diverse Erkundungstouren per Boot bzw. zu Fuß.

Der nächste Tag entwickelte sich zu einem Highlight meiner Reise: Mit zwei Booten ging es zur Mündung der Kronotskaya in die Beringsee, ein Randmeer des nördlichen Pazifiks. Im Verlauf der Fahrt bekam ich neben diversen Vogelarten viele Braunbären von nahem zu Gesicht, darunter eine Mutter mit drei Jungen. Am Ende zählte ich 11 Kontakte. Es gab ausreichend Zeit zur Beobachtung sowie zum Fotografieren der Tiere. Während unseres Aufenthaltes am Strand schwamm zudem eine Gruppe Buckelwale dicht entlang der Küstenlinie vorbei, die es mir erlaubten, das Spiel ihrer Brustflossen und ihre Atmung in Ruhe zu studieren – welch ein Glück.

Einen Tag später erfolgte die Sichtung eines Wolfes (vermutlich ein Tundrawolf), mehrerer wilder Rentiere sowie einer Gruppe „Arktischer Ziesel“, die uns aufmerksam beäugten.

Bezüglich des Kronotsky-Naturschutzreservats kann ich ohne Einschränkungen mitteilen, dass die Vielzahl unterschiedlichster Lebewesen mit ihrer Fülle an Formen, Farben, Gerüchen und Lautäußerungen, eingebettet in einer grandiosen arktischen Vulkanlandschaft und zudem sicher begleitet von freundlichen, hilfsbereiten Menschen jedem an Natur interessierten Besucher ein einzigartiges Erlebnis bietet.

Nach dem Rückflug in die Zivilisation bot der Zwischenstopp im Gruppenhotel in Yelizovo eine gute Gelegenheit zur Vorbereitung auf das zweite, mir bereits gut bekannte Hauptziel, das Hochland im Bereich der aktiven Vulkane „Mutnovsky“ und „Gorely“.

Ein Kamaz-Lkw beförderte unsere Gruppe durch schwieriges Geröllgelände, vorbei an meterhohen Eiswänden, deren Oberflächen von Schneealgen rot gefärbt waren zu einem Lagerplatz, der sich zwischen den beiden Feuerbergen befand. Das Hochland empfing uns mit starkem Wind, leichtem Regen und einer Temperatur von 10°C. Nur mit gemeinsamer Unterstützung gelang es, alle Zelte aufzubauen und einzurichten. Das ungemütliche Wetter übernahm auch die nächsten Tage und Nächte weitgehend die Regie und zeigte mir eine andere Seite Kamtschatkas. In dieser Umgebung erwies sich das eigene Zelt mit wärmendem Schlafsack als angenehmer Rückzugsort. Von unserem Lager aus waren die Rauchfahnen des nahen Mutnovsky-Vulkans sowie der große Gletscher in seinem Inneren gut zu erkennen. Der Besuch dieses Feuerbergs stellte das vorletzte Reiseziel dar.

Nach Erreichen der aktiven Krater empfing mich eine „Urlandschaft“: Gase, die mit einem ohrenbetäubenden Zischen an diversen Stellen aus der Erde strömten, Schwefeldämpfe, die Augen und Atemwege reizten und ein penetranter Geruch nach faulen Eiern, hervorgerufen durch toxischen Schwefelwasserstoff, der mich zwang, den Schal dicht über Nase und Mund zu ziehen. Die teils dünne, einbruchsgefährdete Erdkruste mahnte bei jedem Schritt zur Vorsicht. Inmitten heißer Gasschwaden, die von unberechenbaren Windböen auf mich zugetrieben wurden, verlor ich plötzlich Orientierung und Sicherheit. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit geschlossenen Augen zu verharren und darauf zu hoffen, die Übersicht wiederzuerlangen. In Erdlöchern kochte Schlamm und heißes Wasser ergoss sich in einen wild dahinströmenden Gletscherbach. Das Ganze wurde durch tief hängende Wolken sowie kräftigen Wind komplettiert und vermittelte mir einmal mehr das Gefühl menschlicher Zerbrechlichkeit im Angesicht der waltenden Naturkräfte.

Zwei Tage später, beim Besuch des benachbarten Vulkans „Gorely“, blickte ich in tiefe steile Krater, aus deren Wänden Rauchschwaden hervorquollen. Einige beherbergen tief in ihren Schlunden Seen. Die teils stürmischen Böen zwangen mich, auf den schmalen Graten entlang der Abgründe vorsichtig Schritt vor Schritt zu setzen, um nicht abzustürzen.

Nach diesen intensiven Erlebnissen kehrte unsere Gruppe per Lkw ins Hotel nach Yelizovo zurück und bereitete sich auf die am nächsten Tag anstehende Rückkehr nach Deutschland vor.

Als Résumé der Fahrt kann ich nur feststellen, dass ich meinen dritten Besuch der Halbinsel zwischen dem Ochotskischen Meer und der Beringsee nicht bereute. Die vielen neuen interessanten Eindrücke, die ich während der Tour und besonders im Kronotsky-Naturschutzreservat sammeln konnte, bestärkten meine Liebe zu einem Lebensraum, der sich voller Naturwunder inmitten ursprünglicher Landschaft präsentiert.

Peter-Joachim Focke

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