Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Nepal: Ende gut – alles gut?

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Dienstag: Alle Vorbereitungen laufen seit Monaten auf Hochtouren, Freitag, den 13. soll es losgehen. Ein Anruf von Martin Schramm in der Mittagspause schreckt mich hoch: „Antje, wenn du deinen Nepal-Urlaub noch durchziehen willst, dann musst du morgen schon fliegen, sonst sind die Grenzen dicht. Und du brauchst sicherheitshalber ein Gesundheitszeugnis, sonst wird's mit dem Visum schwierig. Willst du? Und kriegst du das hin?“

Mittwoch: Pünktlich 21:00 Uhr hebt die Maschine ab, ich blicke für voraussichtlich 6 1/2 Wochen zum letzten Mal auf Deutschland hinunter. Donnerstag: Ich fülle ein Dutzend Gesundheitspapiere aus, die danach niemand mehr sehen will, drucke am Terminal den 3. Visumsantrag aus, weil die mitgebrachten ungültig sind, kriege problemlos das Visum und … stehe tatsächlich in Kathmandu. Ich werde am eigens dafür umgebundenen DIAMIR-Halstuch erkannt, äußerst freundlich von meinem Guide Chhopel begrüßt, mit Blumen und Khatas behängt und ab geht's mit dem Taxi durch die Stadt. Der Angstschweiß steht mir auf der Stirn, das Chaos des realen Verkehrs übertrifft alles vorher Gelesene um ein Vielfaches. Wir „überleben“ die Fahrt, ich stürze mich ein paar Tage in das quirlige Hauptstadtleben und freue mich jeden Abend auf die angenehme Ruhe und die liebevolle Versorgung im hübschen Kathmandu View Hotel. Und auf die Berge.

Die kommen nach einer 12-stündigen Fahrt in einem bequemen Jeep tatsächlich näher, ab Jagat heißt es: laufen. Am nächsten Morgen entlohnt die Aussicht. Die nächsten 8 Tage geht es stetig bergan, von 1300 m auf 5400 m, den Manaslu ein paar Tage im Rücken. Mit einer deutschen Gruppe werden wir mitten im Wald von der Tourismuspolizei zum Foto gebeten, zu Werbezwecken, wie uns versichert wird. Das Wetter ist perfekt, die Sonne scheint, die Sicht ist bis Mittag klar, am Nachmittag ziehen Wolken auf, die Abende werden mit zunehmender Höhe immer eisiger. Wir sind von der Welt abgeschnitten, kein WLAN, selten Strom, oft bin ich die einzige Touristin in den Lodges und komme in den Genuss, zum Essen in die einheimische Küche geladen zu werden. Manchmal heizt ein kleiner Holzofen die eisigen Räume auf, der 4-jährige Sohn des Hauses lädt mich zum Tanzen ein, immer gibt es Knoblauchsuppe und Ingwertee zum Aufwärmen.

Je näher wir der Passüberschreitung kommen, um so mehr Touristen begegne ich. Die Höhe entlohnt mit fantastischen Blicken auf die schneebedeckten 7000er der Annapurna-Range und fordert ebenso ihren Tribut, ich schleppe mich von Tag zu Tag langsamer vorwärts, stets meinen Guide im Rücken, der mich motiviert. Ich schlafe schlechter bis gar nicht mehr, aber stehe schließlich eines Morgens um 10 Uhr überglücklich auf dem Thorong-La-Pass. Mein Porter, ein buddhistischer Mönch, spricht ein Gebet, während ich meine Fahnen aufhänge. Noch ahnen wir nicht, wie nötig wir den himmlischen Beistand bald haben werden.

Der Abstieg geht leichter, wir springen und rutschen durch den Schnee hinunter. In Muktinath gibt es erstmals wieder WLAN und damit holt uns die Welt schlagartig ein. Corona-Ausgangssperre in Nepal; wir fahren erstmal ein Stück mit dem Taxi, das ist so ziemlich das letzte Fahrzeug, das wir sehen werden. In Marpha herrscht große Angst bei der Bevölkerung, ein Hotel lässt uns heimlich übernachten, im hintersten Zimmer des Anbaus, mit Essen auf dem Zimmer. Eine Tagesetappe schaffen wir dann noch, vorbei an vielen Uniformierten, die immer wieder nach unserem Weg fragen. Mittagessen spendiert uns liebevoll eine Großfamilie, weil alle Hotels geschlossen sind. In Kalopani ist Endstation.

In der Nacht lautes Klopfen an der Tür: „Antje, wake up, Antje, phone call from Germany!“ Wieder mal Martin Schramm am anderen Ende: „Ihr müsst die Tour abbrechen und so schnell wie möglich nach Kathmandu kommen, du musst dich in rueckholprogramm.de eintragen, die Botschaft organisiert Flüge, ihr habt 4 Tage Zeit, nehmt einen Jeep, wir tun von hier aus, was wir können…“. Gut zu wissen, dass am anderen Ende der Welt jemand Bescheid weiß!

Hier jedoch tut sich gar nix mehr: der Tourismusminister sagt: alle Touris raus, der Innenminister sagt: keiner bewegt sich mehr, der Polizeichef des Distrikts stoppt sicherheitshalber alle Fahrzeuge, die Botschaft kann erst ab Pokhara weiterhelfen. Und so sitzen wir für die nächsten 4 Tage fest. Die Sonne geht hinter Annapurna I auf und hinter Dhaulagiri unter. Es gibt schlechtere Orte für einen Hausarrest. Dennoch liegen die Nerven blank, die Guides telefonieren den ganzen Tag, die Lodgebesitzer kümmern sich allerliebst. Eines Abends stehen tatsächlich 2 Busse vor dem Hotel, die uns und 40 andere Gestrandete innerhalb der nächsten 24 Stunden nach Kathmandu bringen. Die Straßen sind leer, doch wir halten alle paar Kilometer an, weil Polizeikontrollen den Weg versperren, weil wegen der Benzinknappheit mehrfach getankt werden muss, weil der Reifen gewechselt oder die Lenkung repariert wird.

Rückholflüge Nr 1 und 2 sind längst über alle Berge. Das bedeutet, Kathmandu für eine weitere Woche von einer ganz anderen Seite kennenzulernen. 2x am Tag darf im Notfall in den wenigen geöffneten Lebensmittelläden eingekauft werden, ansonsten ist es still. Die Straßen leer, die Menschen skeptisch, die Polizisten wachsam, die Hunde entspannt, die Aussicht von der Dachterrasse unverändert. Meine Guides schlagen sich nach einer sehr kurzen und traurigen Verabschiedung zu ihrer Unterkunft in Kathmandu durch, dürfen auch lange nach meiner Rückkehr noch nicht zu ihren Familien, die außerhalb wohnen. Ich hingegen werde für den 3. Rückholflug eingeplant und schaue sehnsüchtig von oben auf Nepal, stelle mir vor, was die zweite Hälfte meiner ursprünglichen Reise wohl noch alles für Abenteuer bereitgehalten hätte und bin gleichzeitig unendlich dankbar für die Unterstützung, die vor und hinter den Kulissen ununterbrochen organisiert wurde.

DANKE!!!

Antje

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