Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Wandern in Turkmenistan? Ja, in der Wüste und den Bergen!

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Meine Eindrücke einer abenteuerlichen Wanderreise mit hoher Erlebnisdichte

Turkmenistan mit der Hauptstadt Ashgabat (steht für „Stadt der Liebe“) empfängt uns in einem architektonisch einzigartigen Flughafen-Terminal, dessen Dachkonstruktion einem fliegenden Falken nachempfunden ist. Das Einreiseprozedere verlangt einiges an Vorarbeit vor der Reise, jedoch flutscht es nach Ankunft: Mit der Visa-Einladung bekomme ich nach Prüfung der Daten, anschließender Zahlung, dann zügig das Visa in den Reisepass. Es folgt eine Registrierung in Selbstbedienung an modernen Terminals, dann finaler Einreisecheck durch einen uniformierten Beamten – netto in weniger mehr als 30 Minuten ist man drin im wenig bekannten Wüstenland jenseits des Kaspischen Meeres.

Über die mehrspurigen Straßen, welche im Licht der Designer-Straßenlampen wie frisch gebohnert glänzen, wird ins neue Ashgabat gefahren. Und ich komme ins ungläubige Staunen.
Alles ist sehr sauber, fast steril; die mit Marmor verkleideten Wohnblocks wirken etwas leblos. In jedem Kreisverkehr eine Skulptur, welche mich immer wieder zu Kamera greifen lässt. Überhaupt ist eigentlich Nebensächliches in Mega: Durchwegs übergroße aufwändige Baudenkmäler für allerhand wichtige Tage in der Geschichte des seit 1991 unabhängigen Turkmenistan. Jedes Ministerium des Landes mit knapp 6 Millionen Einwohner hat sein eigenes unverwechselbares Gebäude – Fotografieren verboten, Bilder im Kopf behalten, wie auch auf den neuen Basaren des ganzen Landes an der Seidenstraße.

Warum bei diesem Schick dann jene Restriktionen? Die Antworten liegen in den beiden Präsidenten seit der Unabhängigkeit. Aktuell führt der exzentrische, autokratische Alleinherrscher Gurbanguly Berdimuhamedov den dezent diktatorischen Stil des 2006 verstorbenen Saparmurat Niyazov fort. Jener nannte sich selbst „Turkmenbashi“ (Vater der Turkmenen). Beide umgaben und umgeben sich mit überlebensgroßem Personenkult. Turkmenbashi ließ sich sogar eine riesige Moschee in seinem Geburtsort Kiptschak bauen, wo nun auch das Mausoleum seiner Selbst und der Familie steht. Damit verschwand auch vieles was an die frühere Sowjetzeit erinnerte.

Besonderes nach Sonnenuntergang lässt einen das neue Ashgabat nicht mehr los, wenn jedes Haus und Bauwerk kunstvoll und mehrfarbig beleuchtet wird. Die reichen Erdgas- und Öllagerstätten machen das Land zu einem der wohlhabendsten der zentralasiatischen Republiken. Und das wird hier in der Hauptstadt gezeigt! Keine 100 Kilometer außerhalb der Stadt ist das Leben in der Karakum-Wüste deutlich bodenständiger.

Bis hier ist ja noch alles fast normal und nach Plan auf unserer Wanderreise, welche ich als DIAMIR-Reiseleiter begleite. Nur eben nur „fast normal“, weil wir nicht auf den „Gesundheitspfad“ an den Hängen des Kopedag-Gebirges dürfen. Die Uniformierten schicken uns ohne Begründung weg; selbst die alternative Seilbahnfahrt bleibt uns verwehrt. Einst vom verstorbenen Präsidenten initiiert, um die Staatsbediensteten und Minister gesund und fit zu halten, ist es kaum ein Geheimnis, dass nun der aktuelle Präsident der Besuch verhindert. Es ist kaum anzunehmen, dass er gerade die 32-Kilometer-Strecke joggt.

Wir lassen die Marmorbauten zurück, fahren hinein in die Kopedag-Berge (übersetzt „viele Gipfel“) und zelten in einem abseits gelegenen Tal. Jeder bekommt in einer Tasche seine aufblasbare Matte, Schlafsack, Decke, Handtuch und eine Waschschüssel. Ein Komfort der überrascht!

Die Wanderung oberhalb entlang und in der Leopardenschlucht wird die längste und abwechslungsreichste Wanderung bleiben. An Engstellen kann ich mit ausgebreiteten Armen beide teils bis 200 Meter hohe Kalkwände berühren. Ob es die Schönste bleibt, wird sich noch zeigen, schließlich liegen noch einige faszinierende und kaum besuchte Landstriche vor uns und natürlich erwartet uns noch die Wüste.

Am Torkay fühlen wir uns wie auf dem Mond, der frühere Meeresboden ist hier zu einem Gebirge mit Tafelbergen und unzähligen Kegeln verwittert und die Seeigel liegen einem versteinert zu Füßen. Mitten in den Mondbergen steht unser Camp auf einem kleinen Plateau, eine schaukelnde Fahrt von der nächsten asphaltierten Straße entfernt. Wir sind mittendrin im Abenteuer Turkmenistan und durchqueren mit den Wanderschuhen Landstriche, welche in keiner Vorstellung existierten. In diese Rubrik gehört auch der Aufstieg zum erloschenen Schlammvulkan Boyadag. Eine eingetrocknete riesige grau-schwarze „Kleckerburg“, welche etliche Quadratkilometer bedeckt hat und bar jeder Vegetation ist.

Ganz anders das Gebirge des „Großen Balkan“, ja richtig gelesen, welches aus Nahsicht des Wanderers recht grün erscheint. Am Sekidag steigen wir vorbei an knorrigen Bäumen bis auf über 1000 Meter auf, wo im Frühjahr Schafe und Ziegen grasten. Eine Zeltnacht verbringen wir mitten in einem Dorf, streiften herum und wer mochte, konnte von der vergorenen Kamelmilch kosten.

Nach einer knappen Woche „da draußen“ fahren wir zum Kaspischen Meer. Der Wasserspiegel des größten Binnensees unseres Planeten liegt 28 Meter unter dem Meeresspiegel. Für einen erholsamen Nachmittag und eine Nacht genießen wir Hotelkomfort mit Baden im Meer oder im Pool. Die sogenannte „Touristenzone“ Awaza unweit von Turkmenbashi ist ein Ferienresort mit derzeit etwas mehr als 12 Hotels und zahlreichen Freizeitanlagen.

Dann geht es weiter in den modernen Toyota-Allradfahrzeugen in und durch die Wüste. Kilometerlange orange-weiß gestreifte und geriffelte Klippen sind Zeugen eines ehemaligen Meeres; auf dessen nun trockenem Grund versteinerte Muscheln und Ammoniten entdeckt werden können.

Das Abenteuer Wüste schreibt jeden Tag eine spannende Fortsetzung. So wie im heutigen Teil nach einer schaukelnden Fahrt die Zelte unterm 1000-Sterne-Himmel zwischen Dünen stehen. Für ein kleines Lagerfeuer in den langen Wüstennächsten findet sich meist etwas trockenes Holz.

Dier Menschen in den wenigen dauerhaften Siedlungen in der steppenartigen Wüste leben von der Kamel-, Schaf- und Ziegenzucht. Im Sommer bei regelmäßig weit über 40°C und im Winter auch bei Minusgraden und kaum nennenswerten Regen, für einen ans Grün gewohnten Mitteleuropäer unvorstellbar.

Eine absolut unbegreifliche Attraktion ist das „heiß-lodernde“ Zentrum des Wüstenlandes – der Gaskrater von Darwaza. Tags ein schwarzes Loch, wo einem am Rand die Hitze der Gasflammen entgegenschlägt. Doch mit zunehmender Dunkelheit erwacht ein infernalisch-fauchend Ungetüm. Hunderte Flammen brennen seit über 45 Jahren. Seit kurzem wird das 50 Meter tiefe Loch durch einen Zaun begrenzt, doch niemand hält mich vom Blick direkt in den Höllenschlund zurück; schaurig!

Was bleibt bei mir an Eindrücken und Erlebnissen zurück?
Die Turkmenen – eher zurückhaltend in der Stadt, offen und herzlich draußen im Land. Eine mit allen Mitteln für seine marmorne Erscheinung um Begeisterung bemühte Hauptstadt, welcher es jedoch an einem Lebensgefühl und Lebendigkeit mangelt. Es gibt viele Landschaften, wie von einem anderen Planeten. Teils dutzende wilder Kamele in der Wüste. Mit etwas Glück sieht man Steinböcke im Gebirge und auch Schlangen und Skorpione in der Wüste. Unser Begleitteam mit den besten Wüstenfahrern, einer tollen Reiseleiterin und Köchin, einer schmackhaften Küche, wo auch mal ein Schaf geschlachtet wurde, waren die Würze dieser abenteuerlichen Wüstenwanderreise mit Pilotreise-Charakter. Und das in einem Land, wo auch die Entdeckung aus der Wander-Perspektive den Aktiven belohnt! Darauf eine prickelnde vergorene Kamelmilch!

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