Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Paar Handbreit unterm Himmel – Durchquerung des Pamir mit dem Mountainbike

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Was macht man in geselligen Runden? Pläne schmieden – ganz genau! Und schnell wurde aus einer Idee das konkrete Vorhaben, den Pamir mit Mountainbikes zu bezwingen. Unser Team aus passionierten Radfahrern startete im September 2019 in ein Abenteuer durch Tadschikistan. Keiner von uns hätte vorher gedacht, dass daraus solch eine reißerische und leidenschaftliche Unternehmung wird.

Zum tadschikischen Unabhängigkeitstag flogen wir mit Turkish Airlines in Duschanbe ein. Nach einer Besichtigungstour zu Fuß feierten wir den Tag bei fleischreicher Landeskost und Wodka. Am Morgen darauf wurden unsere noch verpackten Bikes auf die Landcruiser geladen. Auf der Nordroute des Pamir-Highways, oft eine spektakuläre „Rumpelpiste“, rollten wir durch weite Schwemmtäler, enge Schluchten und an hohen Felswänden vorbei. Sicher und gelassen steuerten die Fahrer ihre Jeeps. Auf dem Khuborobot-Pass (3252 m), vorbei an der angeblich höchsten Bushaltestelle der ehemaligen Sowjetunion, geht es dann nur noch steil bergab bis Kalaikum. Die zweite Transferetappe dauerte nochmal einen reichlich halben Tag, bis wir endlich in Derzud nahe Rushan, dem Eingang ins Bartang-Tal, ankamen. Wir freuten uns, nun bald im Sattel zu sitzen!

Doch der ersehnte Start aufs Velo verschob sich am nächsten Morgen leider um eine Stunde, weil sich einige am Vorabend, abseits der Straße, Dornen bei der Testrunde eingefahren hatten. Die vielen und schönen Sanddorn-Büsche wurden von uns ab jetzt argwöhnisch betrachtet. Danach ging es endlich durch das tief eingeschnittene, schroffe, teils grüne Bartang-Tal. Nach 65 km erreichten wir das schön gelegene, erste Zeltcamp in der Nähe des Dorfes Rasuj und spülten den Staub des Tages im eiskalten, geröllgrauen Fluss Bartang ab. Die Kinder der umliegenden Häuser kamen neugierig zu uns und halfen sogar in unserer Zeltküche mit. Schon nach der ersten Etappe war uns klar, dass unser Guide Tilek aus Kirgistan ein Profi in Sachen Organisation, Mountainbiken und Technik am Fahrrad ist.

Nach einer erholsamen Zeltnacht bekamen wir vor der Abfahrt von einer Frau getrocknete Maulbeeren und saftige Pfirsiche über den Zaun gereicht – was für eine herzliche Geste! Unsere zweite Etappe führte uns tiefer am rauschenden Bartang entlang ins zunehmend grandioser werdende Tal hinein. Nach jeder Flussbiegung wechselt die Szenerie: steile Felsen in allen möglichen Formen, riesige Geröllhänge in Ocker- und Brauntönen und ab und zu lugte auch mal ein schneebedeckter 6000er über den Talrand. Die Piste fuhr sich oft wie auf einem Waschbrett, über holprigen Schotter, dann wieder durch feinsten Sand schleudernd-stiebend. Die Bachdurchfahrten sowie tiefe Pfützen lassen bei entsprechendem Tempo den einen oder anderen Spaß aufkommen. Unseren Geschenkesack öffneten wir während unserer Mittagspause, als uns ein schüchterner Junge mit seinem sehr ramponierten Fahrrad besuchte. Schnell war das Werkzeug ausgepackt und es wurde repariert, wo es ging. Den Staub des Tages konnten wir wieder im erfrischend temperierten Fluss abwaschen.

Nach der Pass-Überquerung am Vormittag des nächsten Tages rollten wir bereits gegen Mittag in Savnob ein. Die kleine Oase liegt idyllisch auf einem mächtigen Felsvorsprung unterhalb des knapp 6000 m hohen Pik Lapnazar. Wir bezogen Quartier in einem typischen Pamirhaus.

Den freien Nachmittag nutzten wir, um der örtlichen Schule einen Besuch abzustatten. Der Direktor führte uns durch die Klassen und erzählte vom Schulalltag hier oben in den Bergen. Die 56 Schulkinder freuten sich riesig über unsere Mitbringsel. Gern hätten wir noch mehr verteilt. Später überreichten wir einer örtlichen NGO einen Spendenscheck über 2600 EUR, welcher vorrangig Bauprojekten der Dörfer im Pamir zugutekommen soll. Am Abend gab es ein ausgiebiges Weißkohlmahl, begleitet von Hausmusik des Schuldirektors.

Die Etappe am nächsten Tag war wieder ein permanenter Wechsel von Sand, Geröll, Schotter und Fels, gefühlt fuhren wir auf einem Gleisbett. Wir mussten häufiger Flüsse queren und nasse Schuhe waren normal. Im staubigen Ghudara trommelte am Sonntag der Schuldirektor seine Schüler zusammen und wir verteilten weitere Spenden und machten die Kinder glücklich, ähnlich wie bei uns zu Weihnachten. Nachts rüttelte der eisige Wind an den Zelten und legte zwei davon auch flach.

Die Königsetappe über 1200 Höhenmeter und 67 km hatte es in sich. Zunächst ging es mächtig steil hinauf zum Kök Jar Pass auf 3780 m. Wir wechselten nun in den östlichen Pamir mit unglaublichen Hochebenen und vergletscherten 6000ern am Horizont. Unser bikender Kameramann fiel einhändig fahrend und filmend in ein Staubloch. Niemand lachte, als er wie ein bepudertes Marco Polo Schaf aus seiner Sandsuhle aufstand. Außer dem Schreck und ein paar blauen Flecken war zum Glück nichts weiter passiert. Alle Teilnehmer waren froh, als das Camp auf 3900m Höhe nach scheinbar unzähligen Biegungen und Kurven in Sicht kam. Zeitig ging es in die Schlafsäcke, denn die Temperaturen fielen nachts unter den Gefrierpunkt.

Am nächsten Tag verließen wir über die Hochebene das Bartang Tal. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Bewohner dort werden uns lange in Erinnerung bleiben. Leider hat man unterwegs nicht so viel Zeit, um jede Einladung zum Tee wahrnehmen zu können. Begeistert vom Anblick des Karakol-See rollten wir im gleichnamigen Ort auf knapp 4000m Höhe ein. Es ist der größte See Tadschikistans, welcher vor rund 5 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstand. Der frühe Blick hinüber zum Pik Lenin im Sonnenaufgang brachte uns tolle Fotos ein.

Der Transfer in den Süden zur afghanischen Grenze (abweichend vom regulären Reiseverlauf) erfolgte wieder mit den Fahrrädern auf dem Dach. Nach einem langen ersten Tag lagen wir im letzten Abendlicht in den (nicht ganz) heißen Quellen am Yashikul-See und ließen uns hopfenhaltige Isogetränke schmecken.

Nahe des Kargush-Passes bauten wir die Fahrräder wieder zusammen. Eine ruppige Piste bringt uns an den sagenhaften Wakhan-Korridor. Dauernd bremsen wir unsere Fahrt für einen Blick auf die eisbedeckten 6000er des afghanischen Hindukusch und auf das paradiesisch grüne Schwemmland des Grenzflusses Panj. Die Bewohner grüßen und die Kinder haben ihre Freude am Hände-Abklatschen mit uns. Eine kleine Wanderung vorm Sonnenaufgang bringt uns zu tausend Jahre alten Felszeichnungen in der Nähe von Langar. Diese zählen zu den bedeutendsten im Pamir und reichen teilweise bis in die Steinzeit zurück. Wir rollen unter der warmen Sonne das Tal hinab durch viele ursprüngliche Dörfer und sind einfach nur fasziniert von diesem entlegenen Landstrich. Da gerade Erntezeit herrschte, bekamen wir einen besonders tollen Einblick in das Leben und die tägliche Arbeit der Menschen hier. Ein letzter steiler Anstieg bringt uns zur Unterkunft 500 Höhenmeter überm Tal. Damit endet unsere Biketour “paar Handbreit unterm Himmel“. Als Belohnung gab es dann die heißen Quellen von Bibi Fatima!

Auf den zwei Tagen Rückfahrt nach Duschanbe wurde uns erst so richtig bewusst, was wir alles erlebt hatten. Über die landschaftliche Schönheit muss nicht viel gesagt werden. Aber diese Art von Zeitreise zu den abgelegenen Bergdörfern, wo noch traditionell als Selbstversorger ein hartes Leben geführt wird und wo man trotz aller Armut jederzeit mit offenen Armen empfangen wird, machen genau die Erinnerungen aus, welche ewig bei uns haften bleiben. Das Leben hier sieht man danach in einem anderen Licht und die nächste Spendenaktion haben wir uns auch schon vorgenommen. Bis zum nächsten Mal, Tadschikistan!

Dirk Dannecker

Hier der Link zum Film: DIAMIR – Tadschikistan – Mountainbike Abenteuer im Pamir

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