Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Ich war überrascht – Bangladesch ist bei weitem kein Dritte-Welt-Land mehr

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Auf der Suche nach einer schönen Reisekombination aus Natur und Kultur hatte ich Bangladesch schon länger im Blick. Was ich vor dieser Reise über Bangladesch dachte, war, dass es bettelarm ist, die Menschen Hunger leiden und es sehr auf Hilfe von außen angewiesen ist. Dieser Wissensstand stammt gefühlt noch aus meiner Schulzeit und hat sich mangels neuerer Informationen seitdem kaum gewandelt. Aber deswegen mache ich ja solche Reisen, um zu sehen, wie es in solchen Ecken der Welt wirklich aussieht.

Im Falle von Bangladesch reden wir über einen steil aufstrebenden Staat mit einem dreimal so hohen Wirtschaftswachstum wie Deutschland, also von etwa sieben Prozent pro Jahr. Die Geburtenrate ist von über sieben Kindern pro Frau inzwischen auf europäisches Niveau von nur noch rund zwei gefallen. Der Anteil der Mittelschicht wächst rasant, was man an den unzähligen Autos und SUVs sieht. Die Menschen auf dem Land leben zwar einfach, versorgen sich aber weitgehend selbst. Natürlich gibt es Bettler, aber im Verhältnis zu der gigantischen Gesamtzahl an Menschen ist deren Anteil hier wahrscheinlich kleiner als bei uns. Außerdem wird hier (noch) sehr sozial miteinander umgegangen, sodass man auch auf die schwächsten der Gesellschaft achtet.

Der Islam ist hier Staatsreligion, aber er wird sehr modern gelebt. Leider nimmt aber der Einfluss von Staaten der arabischen Halbinsel zu, indem sie sich über Infrastrukturhilfen oder Gelder für den Moscheenbau ihre Schäfchen anlocken und sich vermehrt hier einkaufen. Auch vollverschleierte Frauen laufen inzwischen nicht wenige herum, was es, wie man uns erzählt, vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Andererseits wird in den Medien (TV, Werbeplakate, etc.) ein westliches Frauenbild gänzlich ohne Verschleierung und Kopftuch propagiert. Auf den Straßen der Städte sieht man dann tatsächlich beide Extreme ungefähr in gleicher Anzahl herumlaufen. Hier darf man gespannt sein, wohin das Land sich entwickelt.

Auf jeden Fall ist Bangladesch ein äußerst sicheres Reiseland, denn Diebstahl geht gemäß den Regeln/Sitten schon mal gar nicht, zudem ist der Respekt vor (ausländischen) Gästen sehr hoch. Jedes Mal, wenn ich jedem zehnten, der mich anspricht, eine Antwort gebe (meist nur „Hi, I’m fine. And you?), bedankt er sich deutlich dafür; vom Stolz über ein gemeinsames Selfie ganz zu schweigen. Zusammengefasst also bei Weitem kein armes Dritte-Welt-Land mehr, sondern ein Land, was nach oben will und mit unglaublich viel Energie und Manpower auf gutem Wege dahin ist.

Ankunft in Dhaka
Es geht zum größten Basar des Landes, dem Kawran Bazar. Auf dem Weg dahin zeigt sich der Verkehr schnell von seiner typischen Seite, nämlich mit hoffnungslos verstopften Straßen und Stau. Als Lösung soll eine Hochbahn gebaut werden, für die bereits die halbe Stadt aufgerissen ist und die das Chaos noch vergrößert. Aber schon im Stau gibt es viel freundliches Winken und Lachen, wann immer wir gesehen werden. Touristen sind hier tatsächlich noch eine Seltenheit. Das merken wir, als wir schließlich auf dem Markt unterwegs sind.

Dhaka – Chittagong
Am frühen Morgen geht es mit dem Dhaka-Chittagong-Express nach Chittagong weiter. Als Tourist kriegen wir nur Tickets für die erste Klasse im klimatisierten Wagen. Mit unseren dicksten Sachen sind wir bestens auf die kalten Waggons eingestellt. Nach einer Stunde sehen wir das erste Mal weite grüne Felder mit Reis, das Grundnahrungsmittel. Der Zug quert große bis riesige Flüsse, die hauptsächlich aus dem Brahmaputra gespeist werden. An den Bahnhofstopps gibt es lokale Köstlichkeiten. Mit nur 1,5 h Verspätung kommen wir in Chittagong an, der zweitgrößten Stadt des Landes. Anstatt einer schönen Promenade am alten Fischereihafen, hat man in gigantischem Maßstab alles umgebaggert, um den Hochwasserschutz zu verbessern. Die alten wunderschönen Fischkutter aus Holz liegen hinter den aufgeschütteten Erdwällen romantisch im Wasser und leuchten in der Abendsonne.

Chittagong
Am Nachmittag fahren wir zu den Abwrackwerften. Es waren vor einigen Jahren noch die größten ihrer Art weltweit. Ausgemusterte Schiffe werden hier zerlegt, um an Rohstoffe, vor allem Stahl zu kommen. Wir fahren mit dem Boot aufs Meer. Riesentanker, Containerschiffe und eine Ölplattform werden gerade auseinandergenommen und wirken wie Wolkenkratzer. Die Schiffe liegen dabei fast auf dem Trockenen.

Chittagong – Rangamati
Im östlichen Bangladesch bis zur Grenze nach Myanmar, wo sich auch das einzige bergige Gebiet des sonst flachen Landes befindet, liegen heute die letzten Refugien ursprünglicher Ethnien, die sogenannten Hill Tracts oder Bergstämme. Diese folgen diversen Glaubensrichtungen außerhalb des Islam. Insbesondere sind es Buddhisten, Hindus, Christen oder Naturgläubige. Sie werden vom Staat toleriert, aber durch unzählige Kasernen und Militärstützpunkte quasi eingekesselt, um jeglichen Versuch des Aufbegehrens im Keim zu ersticken. Wir erreichen dieses Gebiet nach mehrstündiger wilder Fahrt. Die Einheimischen kassieren von uns Wegezoll wie im „Wilden Westen“. Zudem müssen sich Ausländer eine Permit (Einlassgenehmigung) für die Gebiete ausstellen lassen. Als wir am Abend im Hotel ankommen, eigentlich eine Feriensiedlung für betuchte Einheimische, kann man den schönen Blick auf den See von unseren Zimmern schon erahnen, denn der Vollmond leuchtet orange über dem Wasserspiegel. Der Kaptai-See ist ein Stausee, für den beim Bau Zehntausende umsiedeln mussten, da ihre Dörfer geflutet wurden.

Rangamati – Bandarban
Bei einer Bootsfahrt auf dem Kapati-See besuchen wir die dort lebenden Minderheiten. Höhepunkt ist der Besuch einer Schule, wo wir aufgeregt begrüßt werden. Die Lehrer entlocken den Kindern ein paar Fragen auf Englisch und die Knirpse freuen sich, dass wir sie verstehen. Nach vielen Fotos werden wir lautstark verabschiedet und tuckern zur nächsten Insel, wo die buddhistischen Einwohner auf jedem Hügel goldene Buddhas errichtet haben. Wir erklimmen ein paar Buddha-Gipfel und belohnen uns mit frischer Kokosnuss und Ananas, bevor es zurück über den riesigen See geht. Von hier startet die Halbtagesfahrt in das nächste Gebiet im Süden. Wir kommen erst im Dunklen in Bandarban an.

Bandarban
Am frühen Morgen wird die gigantische Aussicht über das grüne hügelige und mit Teakbäumen bewachsene Land sichtbar, als sich die Nebel über den Wäldern langsam auflösen und die Sonne aufgeht. Heute ist Feiertag: Tag der bengalischen Sprache! Mit einem schmalen Holzboot fahren wir den flachen Fluss hinab. Beim Passieren der Siedlungen grüßen wir die Menschen am Fluss, die hier ihre Morgentoilette machen oder Geschirr und Kleidung waschen. Näher an der Stadt kommen Hunde und Schweine hinzu, die am sandigen Ufer herumtollen. Die Häuser am Flussufer stehen auf meterhohen Stelzen aus dicken Bambusrohren, seltener aus Beton.

Cox’s Basar
Cox's Bazar – einst nur ein kleiner Fischerort, hat es sich in den letzten fünf Jahren zu einem Mallorca-ähnlichen Urlaubsmekka entwickelt. Das heißt, es werden komplett neue Stadtteile mit Betonburgen aus dem Boden gestampft, Geschäfte und Märkte wuchern, die Verkehrsinfrastruktur ist unterdimensioniert. So ist an diesem Wochenende nicht nur unser riesiger Hotelkomplex, sondern auch jedes einzelne Bett im ganzen Ort ausgebucht. Das Hotel entschädigt dann mit westlichem Standard für die langwierige Anreise.

Am nächsten Vormittag erkunden wir den Fischmarkt, wo seinerzeit die Besiedlung begann. Und tatsächlich wirkt die Szenerie am Fluss im Morgenlicht wie aus einer anderen Zeit. Von kleinen und großen Holzbooten wird der Fang in Bastkörben von den Männern an Land gebracht und direkt auf den Beton gekippt, wo alles frisch verkauft wird. Gewaltige Eisquader werden in Shreddern zu Eisgranulat zerkleinert und auf den Fischen verteilt. Einige Kinder können schon ganz gut Englisch und stellen mir schüchtern aber neugierig Fragen, zum Beispiel wie meine Eltern heißen oder ob ich Geschwister habe. Als das jüngste Mädchen plötzlich nach Geld fragt, wird es sofort von den älteren Mädchen zurechtgewiesen, dass man das nicht macht; ich bin beeindruckt.

Cox’s Bazar – Dhaka
Wir verabschieden uns herzlich und setzen mit einem Motorboot auf eine Insel über. Ein buddhistisches Kloster mit einer schönen Stupa und eine größere hinduistische Tempelanlage. Die Schreine selbst sind mit grellbunten LED beleuchtet und kitschigen Opfergaben übersät. Dazu werden frische offene Kokosnüsse geopfert, die den Boden kleben lassen, auf dem wir barfuß herumlaufen. Am Nachmittag schlendern wir über den Strand. Cox’s Bazar hat hier am Golf von Bengalen mit knapp 130 km Länge den längsten naturbelassen Strand der Welt zu bieten. Es ist ein wunderbarer feinsandiger Strand mit warmem aber nicht ganz klarem Wasser. Das Strandleben ist an sich ganz normal, außer dass die Einheimischen in voller Kleidermontur ins Wasser gehen, auch die Männer. Aber das Highlight ist der Sonnenuntergang, zu dem sich alle nochmal am Wasser versammeln. Wir bummeln noch über den Strandmarkt mit chinesischen Billigkram und burmesischen Süßigkeiten und lassen den Tag auf der Dachterrasse unseres Hotels ausklingen, wo wir auch das erste Mal im Land Bier trinken können, denn Alkohol ist in Bangladesch verboten. Am nächsten Tag fliegen wir in knapp einer Stunde mit einer kleinen Propellermaschine zurück nach Dhaka, während unser Gepäck mit dem Bus über Nacht mehr als zwölf Stunden für die Strecke braucht.

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