Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Erlebnisbericht Pilotreise in den Süden Algeriens

Teilen

Es ist noch dunkel. Nur ein weiterer Fahrgast ist in dem Bus, der mich zu meinem Rail- and Fly-Zug bringt. Trotz früher Stunde wohl gelaunt, fragt er mich, wohin die Reise ginge, auf welchen Berg ich wolle? Ich fliege nach Algerien. Seine Miene wird starr, seine gerade noch freundlichen Gesichtszüge weichen Ratlosigkeit. Erst nach einer Weile fragt er, wo das denn sei? Ob das ein Land sei? Aber auch die Antwort „Nordafrika – neben Marokko“ verhilft ihm nicht zu einer Vorstellung, wo sich das größte Land Afrikas befinden könnte. Er wendet sich ab.

Auch unsere zweiwöchige Reise eröffnet uns nur einem kleinen Ausschnitt dieses Landes. Ein Inlandsflug bringt uns von der Hauptstadt Algier 2200 km weiter in den entfernten südöstlichen Teil Algeriens nach Djanet – nahe der Grenze zu Libyen und Niger. Bis ins späte 19. Jahrhundert war das Städtchen ein Hauptsiedlungsort der Tuareg.

Ein örtlicher Vertreter davon wird uns auch die nächsten 14 Tage begleiten und uns mit Geschichten und Mythen der Tuaregs von damals und heute ein bisschen etwas von deren Alltag verständlich machen.

Die Reise ist als Wander- und Trekkingreise angelegt. Nichtsdestotrotz werden wir einige Entfernungen mit Geländewagen zurücklegen. Nachdem wir uns auf dem Markt in Djanet noch mit den sinnvollen Ausrüstungsgegenständen Turban und Djelaba, einem weit geschnittenen und langem Hemd, zum Schutz gegen Sonne, Wind und zur optimalen Belüftung, ausgestattet haben, fahren wir bereits zu unserem ersten Nachtlager in der Wüste zwischen hoch aufragenden Sandsteinfelsen.

Der erste Teil der Reise führt uns zunächst wieder etwas nördlich bis Iherir, einer kleinen Oase auf dem felsigen Fadnoun-Plateau. Früher spielte die Oase eine wichtige Rolle in der Kontrolle des Karawanenhandels. Heute ist sie eher unscheinbar, aber dennoch sehr fruchtbar, da sich in den tiefen Schluchten des Plateaus das Regenwasser in kleinen teilweise sehr tiefen Becken sammelt und sich in einigen sogar das ganze Jahr hält. Diese sogenannten Gueltas sind eine der spezifischen Erscheinungen im Tassili n`Ajjer, einer 500 km langen Gebirgskette im Südosten Algeriens, das sich auch Plateau der Flüsse nennt.

Von unserem Camp hoch über der kleinen Tuaregansiedlung Idaran steigen wir ins Tal, wo wir die Gueltas zunächst nur durch dicht gewachsenes saftiges Schilf erreichen. Von den Gueltas von Idaran bis zu den Gueltes von Ihrerir, 7 km weiter, wandern wir manchmal direkt unten am Fluß, manchmal hoch oben an der Felsenkante entlang. Durch eine herrlich Berg- und Flusslandschaft erreichen wir nach etwa 6 h Ihrerir, wo die Autos uns nach einem kleinen Bad zur Rückfahrt erwarten.

Ganz in der Nähe befinden sich die bekannten Gravuren von Tinterhert: die schlafenden Gazellen, die lockige Kuh und viele andere nicht nur sehr bekannte sondern auch absolut sehenswerte Zeugen aus einer anderen Zeit. Nicht zu vergessen, die daneben auf drei Ebenen übereinander liegenden Gueltas von Assar.

Eine kurze Geländewagenfahrt bringt uns bis zum Oued Essendilene, an dessen Ende der herrlichen bewachsenen Schlucht das in den Felsen gefressene Guelta Tikoutaouine liegt. Bald danach erreichen wir unseren Lagerplatz, von dem aus unsere Kameltrekkingtour beginnt. 6 Kamele mit 2 Kamelführern warten auf uns, um die nächsten viereinhalb Tage zusammen mit uns zu verbringen. Abwechselnd neben oder auf dem Rücken der Kamele werden wir in die Tiefen des Tassili n`Ajjer vordringen. Wir durchqueren traumhafte Sandsteintäler, mal eng, mal weit, mal mit dunklem, dann wieder ganz hellem Gestein, vorbei an massiven Felswänden, einzelnen Türmen, Felsenbögen oder ganz anderen Felsformationen: Pilze, Tiergestalten, Gesichter… Mittagspause halten wir an wunderbaren Lagerplätzen unter schattenspendenden Felswänden oder Akazien.

Aus der Tierwelt begegnen wir frischen Spuren von Mufflon, Schakal, Agamen, Fenek, Mäusen. Auch Schlangen und Skorpione kreuzen unsere Wege.

Das einfache wasserarme Leben bereitet uns keine Schwierigkeiten. Wir ahnen ein bisschen vom Alltag des Nomandenlebens. Dennoch freuen wir uns auf eine Nacht in Hotel, um zu duschen – aber noch wichtiger – um unsere Batterien aufzuladen, bevor es weitergeht in eine ähnlich und doch wieder ganz andere Landschaft des Tadrart, südlich von Djanet.

Der Tadrart ist eine sehr wasserarme Gegend, in der nur wenige Nomaden leben. Aus diesem Grunde werden wir hierher auch nicht mit Kamelen sondern mit den Geländeautos kommen. Für die Kamele gäbe es nicht ausreichend Futter. Um unserem Bewegungsdrang dennoch nachzukommen und um die Wüste ganz hautnah zu erleben, werden wir täglich zwei bis vier Stunden zu Fuß unterwegs sein und dann wieder auf unsere Autos treffen. Die Landschaft ändert sich laufend und bleibt spannend bis zum letzten Tag. Hier besuchen wir vor allem monumentale Gesteinsformationen (Coup du Monde, Tipi-Zelt, Elefant, Igel, …sowie nur einige der unzähligen Felsgravuren und -zeichnungen aus den 2000 bis 10 000 Jahre zurückliegenden Bubulus-, Jäger-, Pferde- oder Kamelperioden: Menschen bei der Jagd, Elefanten, Rhinozeros, Giraffen, Löwen, Gazellen, Pferde, Kamele, Schafe und unendlich viele Rinder.

Mit den Geländeautos schweben wir die Dünen hoch, stürzen ins mit Koloquinten (Bitterkürbissen) bewachsene harte oder sandige Tal, vorbei an sandverwehten Felswänden, einzelnen Säulen, Höhlen, Unterständen in endlos wirkende dann wieder enge, kleine Täler, riesige Schwemmtonebenen, umgeben von zerklüfteten schwarzen Felsen. Der Sand erscheint in allen möglichen Farben gleichzeitig. Ein Mittagessen hoch oben auf der Düne beschert uns nicht nur einen grandiosen Ausblick, sondern führt uns auch vor Augen wie schnell und unangenehm ein Sandwind werden kann. Der letzte Abend wird gekrönt von einem Sonnenuntergang auf einer hohen Düne neben dem Lagerplatz.

Viel zu schnell geht auch der zweite Teil der Reise im Tadrart zu Ende und es heißt Abschied nehmen von einer vertraut gewordenen Crew, die uns begleitet und uns diesen Zugang zu den fantastischen Schönheiten des Landes ermöglicht hat. Vor allem Nabtanabi, unseren Koch, den wir für einen der besten und witzigsten in ganz Algerien halten, werden wir vermissen.

Auf ein Wiedersehen in der Algerischen Sahara! Ahlan wa sahlan.

Passende Reisen von DIAMIR