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Reisebericht: Kambodscha – Phnom Penh: Das Herz Indochinas

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Hallo liebe Reisefreunde,

Kambodscha. Ein Land, mit einer bewegten Geschichte, die weit in die Blütezeit des Königreich Angkors zurückreicht, dessen beeindruckende Steintürme als stille Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära noch immer aus dem grünen Blätterdach des Dschungels in der Nähe Siem Reaps ragen.

Aufgrund seiner jüngeren Geschichte verbinden viele Menschen Kambodscha heute jedoch vor allem mit Kriegen, Menschenrechtsverletzungen und unzähligen Mienenfeldern. Wer einmal tatsächlich durch die Straßen Phnom Penhs schlendert, kann sich jedoch nur noch schwer vorstellen, dass vor gerade einmal vierzig Jahren die Einwohner der heute zwei Millionen Menschen beherbergenden Großstadt von den Khmer Rouge brutal aus ihren Häusern vertrieben worden. Deportiert in ländliche Regionen, sollten sie dort beim Aufbau eines kommunistischen Agrarstaates helfen und mussten unter sklavenartigen Bedingungen auf den Reisfeldern arbeiten. Tausende wurden in einer unvorstellbaren Grausamkeit ermordet, die Infrastruktur des Landes zerstört.

Nein, Phnom Penh präsentiert sich dem interessierten Besucher längst wieder als eine aufstrebende und charmante, asiatische Metropole, in deren breiten und mit blühenden Bäumen gesäumten Gassen sich das bunte Leben abspielt. Neben den tausenden von Moped- und Tuk-Tuk-Fahrern, die unaufhörlich ihre Fahrdienste anbieten, prägen vor allem hunderte kleine Garküchen, dampfende Snackstände und die eifrigen Marktfrauen das Bild der Stadt.

Und man merkt schnell, dass das Land sich entwickelt. Alles ist im Aufbruch, wie unter anderem die modernen, westlichen Cafés und die ersten, nur so aus dem Boden schießenden Hochhäuser zeigen. Auch wenn diese zwischen den sonst niedrigen Gebäuden noch ein wenig verloren wirken, bekommt man eine erste Vorstellung wie sich der Stadtkern wohl in Zukunft präsentieren wird. Nicht wenige vermuten, dass hier gerade unbemerkt ein neues Bangkok wächst.

Auch auf den Straßen zeigen sich die ersten Symptome des wachsenden Wohlstandes. Zwischen die tausenden von knatternden Motorrollern mischen sich erste, große und glänzende Geländewagen. Die neue Mittelschicht weiß sich zu präsentieren. Und auch von den Armen abzugrenzen.

Abzugrenzen, von den vielen Arbeitern und Tagelöhnern, die sich nur mit Mühe über Wasser halten können. Noch immer leben rund dreißig Prozent der kambodschanischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze von rund einem US-Dollar am Tag.

Die Schere zwischen arm und reich erscheint unendlich groß. Denn während die bereits erwähnten Jeeps hupend durch die Stadt jagen, ziehen auf den verwitterten Randstreifen gebrechliche Menschen mit selbstgebauten Handkarren entlang. Auf der Suche nach leeren Flaschen und alten Dosen durchwühlen sie die herumliegenden Müllsäcke und hoffen darauf, diese später beim Wertstoffhändler zu einem guten Preis verkaufen zu können.

Bereits mit dem ersten Sonnenlicht bevölkern diese, mittlerweile zu einem wichtigen Teil der städtischen Abfalltrennung gewordenen Menschen, die Straßen. Und erst spät in der Nacht legen sie sich in den Seitengassen unter ihre Karren, um geschützt vor dem nächtlichen Regen ein paar Stunden schlafen zu können. Um Kraft zu tanken, für ihren endlosen Streifzug durch die Straßen der Stadt.

Längst sind auch die Touristen in die Stadt zurückgekehrt. Im Kampf mit sich selbst und der schwül warmen, drückenden Luft besuchen sie den königlichen Palast, die Killing Fields oder Wat Phnom und strömen im Anschluss mit den nicht mehr ganz so klapprigen Überlandbussen zu den atemberaubenden Tempeln von Angkor oder an die Strände im Süden.

Phnom Penh hat keine großen Attraktionen. Doch sind es vor allem die vielen kleinen Dinge, welche einen Aufenthalt in der Stadt so unvergesslich machen. Sei es ein atemberaubender Sonnenuntergang auf den Wiesen vorm königlichen Palast, auf dessen goldenen Dächern sich das glühende Abendrot spiegelt, während um einen herum kambodschanische Familien, Touristen und fliegende Händler der Atmosphäre zusätzliches Leben einhauchen. Oder vielleicht auch nur eine kühle Cola in der Mittagshitze unter den schattenspendenden Bäumen im Park um Wat Phnom, wo Kinder spielen und eine Gruppe halbzahmer Affen den Verkäufern das Leben schwer macht. Vielleicht sind es auch die unzähligen Gymnastikgruppen, die nach Anbruch der Dunkelheit in den Parks zu kambodschanischer Popmusik und dem allgemein beliebten Gangnam-Style stundenlang so wunderbar synchron tanzen. Vielleicht ist es auch diese bunte Mischung von Nationalitäten, welche die Speisekarten der Stadt unerschöpflich wirken lassen, während man auf dem Heimweg noch schnell an einem der süß-duftenden Popcornständen am Independence-Monument halt machen kann. Es ist wohl ein Mix, diese ungebändigte Dynamik, belebende Frische und gelassene Unruhe, die das Herz des Khmer-Königreiches ausmachen.

Und so ist Kambodscha heute, trotz vieler und noch immer offensichtlicher Probleme, wieder ein Land, dass es wert ist besucht zu werden. Und das auch, weil die Bewohner trotzt teilweise grauenhafter Vergangenheit und täglichen Herausforderungen sich ihr zauberhaftes Lächeln bewahrt haben.

Michél Pretzsch

Abteilungsleitung Asien & Ozeanien

+49 351 31207-384

m.pretzsch@diamir.de

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