Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Russland | Tschukotka & Wrangel Island – Eisbär, Walross, Flower Power

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Wenn mich jetzt, nach der Reise jemand fragt, was an Wrangel Island am beeindruckendsten war, fällt mir die Antwort schwer. Nicht weil es nichts zu sehen gab, im Gegenteil. Nein, weil die Antwort nach einer Reise in die Arktis schon ein wenig seltsam klingt. Sie lautet: „Die vielen Blumen“.

Die Küsten Tschukotkas und die nördlich gelegene Wrangel-Insel waren während der letzten Eiszeit nicht vergletschert. Und so bietet sich dem Arktis-Reisenden in Russlands fernstem Nordosten ein Bild, dass für diese Breitengrade mehr als ungewohnt ist: Sattgrüne Wiesen, getupft mit erstaunlich hohen Blumen in gelb, orange, pink, rot, blau und weiß, weite Sumpflandschaften, die perfekte Brutbedingungen für zahlreiche Zugvögel bieten, blaues Meer und endlose Sandstrände. Die Temperaturen stiegen in diesem Sommer teiweise auf beängstigende 25 °C und so war es nur die Tierwelt, die mir immer wieder bewusst machte, wo ich mich eigentlich befand. Auf dem noch immer erstaunlich festen Meereis ruhten große und kleine Gruppen Walrosse, auf den Wiesen weideten Moschusochsen, sieben verschiedene Walarten wurden gesichtet, dem Schiff folgten Eissturmvögel und Dreizehenmöwen und an den teils gigantischen Vogelfelsen nisten Lummen, Alke, Horn- und Schopflunde.

Der Hauptgrund, in diese Gegend zu fahren, sind aber natürlich nicht die Blumen, sondern die Eisbären. Die Weibchen finden auf Wrangel Island wunderbare Bedingungen, um Schneehöhlen zu graben, in denen sie ihre Jungen zur Welt bringen. Die Population gilt (noch) als stabil und groß und tatsächlich waren alle gesichteten Eisbären auf meiner Reise in beeindruckend gutem Zustand – Futter scheint es genug zu geben.

Der Ruf „Polar Bear!!!“ erschallte das erste Mal, da war das Schiff noch keine zwei Stunden im Eis unterwegs. Und es stellte sich als ein riesiger Glückstreffer heraus, denn an einem angeschwemmten Walkadaver taten sich insgesamt neun Bären – darunter eine Mutter mit Jungtier – gütlich. Etwa eine Stunde verharrte das Schiff, damit alle Gäste in Ruhe die Bären beobachten konnten. Was für ein Fest, so viele Verhaltensweisen auf einmal sehen zu dürfen: schwimmen, tauchen, fressen, springen, laufen, schlafen, sich verjagen, das Junge rufen… genug Stoff für stundenlange Gespräche am abendlichen Tisch.

Insgesamt gab es auf dieser Tour 40 Eisbärensichtungen. Nicht alle davon konnte man so lange beobachten, einige tauchten nur für wenige Minuten aus dem Nebel auf, andere schwammen am Schiff vorbei, einige kamen neugierig näher und wieder andere ließen sich beim Mittagsschläfchen fotografieren.

Neben der extrem hohen Wahrscheinlichkeit auf zahlreiche Eisbären ist es auch die Vielfalt an Erlebnissen, die für mich den Reiz dieser Reise ausmacht. An erster Stelle stehen natürlich die Tierbeobachtungen. Aber auch kulturell hat die Region einiges zu bieten. In der mysteriösen „Allee der Walknochen“ auf Yttigran Island spürt man der Geschichte der früheren Bewohner nach. Die kleinen Ortschaften entlang der Küste wirken für Mitteleuropäer zum Teil wie bessere Schrottplätze, die Freundlichkeit und Offenheit der Bewohner machen das aber um Längen wieder wett. Überall wurden wir herzlich willkommen geheißen, bewirtet, es wurde gesungen und getanzt, kleine Vorträge gehalten – es kommt nicht oft vor, dass hier Besuch kommt und diese Gelegenheiten sind für das ganze Dorf Gelegenheit zum Feiern.

Abgerundet wird das Programm durch viele kleine oder größere Wanderungen, Baden in heißen Quellen und natürlich durch intensives „Blümchen guggen“.

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