Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Mit dem Wiedervereinigungsexpress durch Vietnam

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Die große Bahnhofshalle ist voll mit Menschen, welche sich durch die Gänge drängen oder auf den wenigen Plastikstühlen in der Wartezone auf die Abfahrt ihrer Züge warten. Gegen 15 Uhr besteige ich schließlich den Zug mit der Aufschrift „Hà Nội“. Die grünen Waggons sind bereits brechend voll. Zum Glück gibt es Platzkarten, sodass ich die nächsten einundzwanzig Stunden bis Da Nang nicht im Stehen verbringen muss. Unzählige Menschen laufen aufgeregt mit ihren Koffern durch die Gänge und suchen ihre Plätze. Uniformierte Schaffner versuchen die Masse zu dirigieren. Im ganzen Zug herrscht noch die Unruhe des Bahnhofs, Einsteigens und Sortierens. Doch ich finde schnell meinen Fensterplatz auf einer der dünn gepolsterten Bänke. Ich beobachte, wie immer mehr Menschen durch die Türen ins Innere drängen. Zu meiner Überraschung findet wirklich jeder von ihnen einen Sitzplatz.

Mein Ziel, die Millionenstadt Da Nang, liegt ungefähr auf der halben Strecke nach Hanoi und nahe dem Küstenort Hoi An, welchen ich gerne besuchen möchte. Einundzwanzig Stunden. Ich lehne mich zurück.

Der Schaffner bläst mit aller Kraft in seine Pfeife und gibt das Signal zur Abfahrt. Langsam setzt sich der schwere Zug in Bewegung und rumpelt auf den alten, holprigen Gleisen der staatlichen Eisenbahngesellschaft durch die Hauptstadt. Direkt an der Bahnstrecke befinden sich unzählige Häuser. Der graue, vom Monsun verwaschene Beton der Wände lässt sie etwas trostlos erscheinen. Doch auch in ihnen leben Menschen. Die frisch gewaschene Wäsche flattert im Wind und glänzende Satellitenschüsseln gaffen in den Himmel. Einsam oder in Gruppen sitzen die Bewohner in den Hinterhöfen herum und gehen ihrem Alltag nach. Die meisten scheint der laute Zug, welcher sich quietschend durch ihre Vorgärten schiebt, nicht weiter zu stören. Auch die Reisenden im Zug scheint die Szenerie außerhalb nicht sonderlich zu interessieren. Die meisten haben bereits vor der Abfahrt die Augen geschlossen und schnarchen genüsslich vor sich hin. Nur ich beobachte still die endlose Abfolge der Häuser, sehe die vielen Menschen in den kleinen Hinterhöfen und ihr einfaches Leben.

Vor den vielen Bahnübergängen der Stadt bilden sich dichte Trauben von knatternden Motorrollern. Die Fahrer stehen wartend hinter den Schranken und drehen in ihrer eigenen, stinkenden Abgaswolke ungeduldig am Gasgriff, bis die blockierte Straße wieder freigegeben wird. Versunken in Gedanken über das Leben in dieser riesigen Stadt, verlassen wir Saigon.

Unser Zug bahnt sich nun seinen Weg durch die grünen Reisfelder vor den Toren der Metropole. Es ist ein schneller, überraschender Wandel zwischen Stadt und Land. Reisbauer für Reisbauer, Wasserbüffel um Wasserbüffel, bewegen wir uns nun vorwärts und rollen in Richtung der grünbewaldeten Berge nahe der Küste. Langsam gewinnen wir an Fahrt und bewegen uns entlang des Südchinesischen Meeres nach Norden. Ich mache es mir bequem und verfolge wie die Sonne sich verabschiedet.

Meine Sitznachbarn haben einen Beutel voller Litchees dabei und teilen mit mir. Essen ist auch hier in Vietnam eine der Hauptbeschäftigungen. Die Schalen und Kerne der Früchte werden einfach auf den Boden des Waggons geworfen. Die Zeit vergeht. Gegen 19 Uhr kommt die Bordküche durch die Reihen und verkauft Klebreis und Hühnerschenkel an die Fahrgäste. Auch ich genehmige mir eine Portion aus den Blechtöpfen. Wenig später wird das Licht auf die Notbeleuchtung umgestellt und im Inneren des Zuges wird es düster.

Draußen ist längst die Nacht aufgezogen und ich versuche zu schlafen. Doch wie gewohnt bekomme ich in der Sitzposition kein Auge zu. Der weiße Mond strahlt hell über den Dschungel zu unserer Linken und durchs Fenster herein. An der Decke kreist wieder der nervige Ventilator, welchen ich schon dreimal ausgeschaltet habe. Irgendjemand mag offenbar das unregelmäßige Kitzeln des Windes an seiner Nase. Mich hindert er nur noch mehr am Einschlafen.

Ich versuche wenigstens ein wenig zu dösen, nur um kurze Zeit später von den Bordlautsprechern erschreckt zu werden. Im revolutionären Tonfall schallt Marschmusik aus dem kleinen braunen Kästchen des Lautsprechers. Alles was ich verstehe ist ein Ort, welchen ich vorher auf der Karte ausgemacht habe. „ Nha Trang“, scheppert es erneut durch den ganzen Zug. Einigen der Männer scheint das Lied bekannt zu sein und in einer Mischung aus Patriotismus und Leidenschaft stimmen sie trotz der späten Stunde lauthals in den eigenwilligen Gesang ein. Ich bin begeistert. Wenig später erreichen wir den für seine Strände bekannten Urlaubsort im Süden Vietnams.

Menschen rennen wieder durch die Gänge und holen ihre Koffer aus den Gepäckfächern. Dann stoßen Frauen in den Zug, welche während des kurzen Halts Essen verkaufen wollen. Ein paar Waren und Scheine wechseln den Besitzer, dann geht es weiter. Bis Da Nang sind es noch über zwölf Stunden Fahrt.

Die harte Sitzbank tut nun schon ganz schön weh. Auch meine Banknachbarin ist zu allem Überfluss mittlererweile eingeschlafen. Ihr Kopf kippt immer wieder ab landet auf meiner Schulter. Genüsslich gurgelt sie mir ins Ohr. Ich will sie nicht wecken. Eines der beiden Kinder, welche mir in unserer Vierergruppe gegenüber sitzen, liegt unter meinen Beinen, sodass ich diese ebenfalls nicht bewegen kann. Und als wäre das nicht schon genug, wird der Zug auf den immer schlechter werdenden Gleisen und aufgrund der vielen Kurven immer öfter, immer stärker hin und hergeworfen.

Irgendwann schlafe ich ein. Bis mich die scheppernden, alten Lautsprecher wieder wecken.

Tipp und Anm. der Red.: Für die ganz harten Bahnenthusiasten ist es eine Traumreise – bereits heute kann man mit dem Zug von Deutschland bis nach China fahren. Doch aufgepasst, spannende neue Linien entstehen gerade in Asien. Die Bahnprojekte von China und Thailand nach Laos gehend sind schon in der Realisierungsphase. Also bald Dresden – Singapur buchbar?

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