Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Peru – Trekking auf alten Inkapfaden

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Was für eine Tour könnte man in Peru machen, wenn man dieses faszinierende Andenland schon ziemlich gut kennt? Bei meiner Suche bin ich auf einen Trek (4 Tage/3 Zeltnächte) in der Cordillera Vilcabamba gestoßen, der trotz seiner Nähe zu den Ruinen von Machu Picchu nur sehr wenig begangen wird. Neben dieser landschaftlich und kulturell höchst beeindruckenden Wanderung enthielt das Programm auch die absoluten „musts“ jeder Peru-Reise: Cusco, das Heilige Tal, Machu Picchu, den Titicacasee, und die „weiße Stadt“ Arequipa. Krönender Abschluss: gut akklimatisiert die Besteigung des 6075 m hohen Vulkanes Chachani in der Cordillera Volcanica bei Arequipa. Doch nun zu den Details:

Begonnen haben wir in der alten Inkahauptstadt Cusco, einer der schönsten kolonialen Städte Lateinamerikas. Überreste der Inkakultur und wunderschöne Bauten aus der spanischen Kolonialzeit geben ihr ein ganz besonderes Flair, das durch sehr gute Restaurants, viele bunte Läden und internationales Publikum ergänzt wird.

Unsere Vorbereitung für das kommende Trekking begann am nächsten Tag mit einer Akklimatisationswanderung zu den wenig bekannten Inka-Ruinen von Huchuy Qosqo. Hoch über dem Heiligen Tal der Inkas liegen sie majestätisch und einsam. Dass unsere Reise unter einem guten Zeichen stand, wussten wir, als wir dort einen Kondor über uns kreisen sahen – unsere junge einheimische Führerin Flor deutete dies als besonderes Glück. Sie sollte Recht behalten: kein einziger Regentag trübte unsere Begeisterung während der gesamten Reise!

Pisac mit seinem bunten Markt ist Ausgangspunkt für eine Wanderung über viele Stufen hinauf zur großen Inka-Anlage gleichen Namens. Eingeteilt in drei Sektoren (landwirtschaftliche Terrassen, Wohnbereich und sakrale Stätten) versuchen wir hier, etwas von der Lebenseinstellung und der Alltagsroutine der früheren Bewohner zu erspüren. Auch die Aussicht ins Tal und auf den Urubamba-Fluss fasziniert uns. Die Mittagspause in einem Restaurant mit leckerem Buffet nutzen wir zum Verdauen dieser starken Eindrücke. Der Nachmittag gehört der Tempelburg Ollantaytambo. Wie hat man es geschafft, riesige Steinblöcke vom kilometerweit entfernten Steinbruch hierher zu schaffen, und vor allem: mit welchen Werkzeugen war die Bearbeitung der Steine möglich, sodass nahezu glatte Oberflächen entstanden sind und riesige Steinkolosse fugenfrei aneinander gesetzt werden konnten? Für Spekulationen bleibt viel Spielraum…

Nun freuen wir uns schon auf unseren 4-Tages-Trek, dessen Ausgangspunkt Huancacalle (auf 3000 m) wir nach einer mehrstündigen spektakulären Busfahrt erreichen. Über den Abra Malaga geht es mit einem Privatbus kurvenreich wieder bergab – die Blicke von der Passstraße hinunter in den Nebelwald sind atemberaubend! Bei Ankunft in Huancacalle baut unsere engagierte Mannschaft schon unsere Zelte auf, und wir brechen nach einem leckeren Mittagessen auf, um die gut erhaltenen Inka-Ruinen von Vitcos zu erkunden. Auf dem Rückweg zum Lagerplatz besuchen wir noch Ñusta Hispaña, eine weitläufige Kultstätte. Am späten Nachmittag haben wir diesen mystischen Ort ganz für uns allein und keiner von uns kann sich dem Zauber entziehen, der unseren Besuch dort zu etwas ganz Besonderem macht. Heute heißt es „Kräfte mobilisieren“: insgesamt drei Andenpässe warten auf uns, sanft in den An- und Abstiegen, aber jeweils zwischen 4200 und 4500 m hoch. Eine Gesamtgehzeit von 10 Stunden (inklusive Pausen) ist zwar anstrengend, die fantastische Anden-Landschaft macht diese Mühen jedoch mehr als wett: wir sehen Andengänse (Huallata), Ibisse, passieren kleine Seen und kommen nahe an mächtigen Gletschern vorbei. Klingende Namen wie „Sacsarayoc“ (5990 m), „Yanacocha“ (schwarzer See), „Soncococha“ (Herz-See) und Nevado Salkantay (6271 m) beflügeln unsere Kräfte. Der nachmittägliche Abstieg zu unserem heutigen Camp in Mutuypata (2500 m) geht durch beeindruckenden Bergnebelwald, es wird grün und üppig, wo es vorher rau und karg war. Das Lager liegt an einem kleinen Bach – die Feuchtigkeit zieht leider auch kleine beißende Fliegen an. Inmitten von grünen Weiden, die zuerst einmal von Kuhfladen und Pferdeäpfeln befreit werden, baut unsere tüchtige Mannschaft in Windeseile alle Zelte auf. Abends verwöhnt uns der Koch – immer im Einsatz mit einer blendend weißen Schürze und einer eleganten Koch-Mütze – wieder mit einem liebevoll zubereiteten 3-Gänge-Abendessen. Im Gemeinschaftszelt lassen wir die vielen Eindrücke noch einmal Revue passieren.

Fast tut es uns leid, dass unser Trekking am nächsten Morgen mit dem Abstieg zur gerade fertiggestellten Schotterpiste zu Ende geht, aber die Aussicht auf den Besuch der heißen Quellen an diesem Tag lässt uns ziemlich leichtfüßig die restlichen Höhenmeter in den engen Canyon absteigen, durch den sich der Fluss windet. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir zwischen den Felsen am Ufer Rauchschwaden: auch hier gibt es heiße Quellen, die direkt in den Fluss münden. Eine gute Einstimmung auf Santa Teresa, wo es herrliche Thermalquellen unter freiem Himmel gibt – gefasst in große Becken mit klarem Wasser und Kieselsteingrund. Unsere Muskeln entspannen sich nach dem Trekking und die landschaftliche Kulisse rundherum lässt uns die Zeit vergessen. Erst als eine Gruppe einheimischer Senioren die Becken in Besitz nimmt (vermutlich aus „rheumatischen“ Gründen), verlassen wir dieses angenehme Ambiente und machen uns mit dem Zug auf den Weg nach Aguas Calientes, dem Ausgangspunkt für unseren morgigen Besuch von Machu Picchu. Aguas Calientes liegt auf ca. 2040 m und besteht hauptsächlich aus Hotels, Restaurants und Souvenirläden. Hier heißt es am nächsten Morgen früh aufstehen: wir stellen uns in die Warteschlange für die Busse, die uns zusammen mit vielen anderen künftigen Machu Picchu-Besuchern in einer abenteuerlichen Fahrt über unzählige Serpentinen in hinauf zu den Ruinen der Ehrfurcht erweckenden Inka-Anlage bringen. Bis heute weiß man nicht genau, zu welchem Zweck diese imposante Anlage errichtet wurde; fest steht aber, dass Machu Picchu nie ganz vollendet und vor allem fluchtartig verlassen wurde (was entsprechende Funde gezeigt haben). Über zahllose Stufen bergauf und bergab erkunden wir das UNESCO-Weltkulturerbe, bestaunen den Sonnentempel, den Tempel des Kondors, die Exaktheit der Mauern, die landwirtschaftlichen Terrassen, aber auch die Ausblicke auf die umliegenden Berge und die Tiefblicke hinunter zum Urubamba-Fluss und zu den Eisenbahnschienen. Als besonderes Highlight besteigen wir noch den Machu Picchu, den „Alten Berg“, und von dort oben haben wir einen fantastischen Überblick über ganz Machu Picchu und den wohl meist fotografierten Huayna Picchu (das ist der grün bewachsene Berg, der auf fast allen Fotos von Machu Picchu zu sehen ist). Einige von uns gehen danach noch zum„Inti Punku“ (Sonnentor), andere streifen auf eigene Faust noch einmal in Ruhe durch die Inkamauern. Abends lassen wir den Tag bei einem Feinschmecker-Dinner im Restaurant „Indio Feliz“ ausklingen.

Eine morgendliche ca. 2-stündige Zugfahrt bringt uns anderntags durch abwechslungsreiche, üppig bewachsene Landschaft (Dank sei den Panoramafenstern im Zug von Inca Rail!) zurück nach Ollantaytambo, von dort geht es mit unserem privaten Transfer wieder nach Cusco. Auf dem Weg dorthin besichtigen wir noch einige Inka-Anlagen, unter anderen die „Falkenfestung“ Sacsayhuaman. Auch hier stehen wir wieder staunend vor den riesigen Felsklötzen, die passgenau zu drei ringförmigen Wällen zusammengesetzt wurden. Von hier oben haben wir den allerschönsten Ausblick auf die tiefer gelegene Stadt Cusco.

Das nächste Highlight steht bevor: wir erreichen am nächsten Tag nach einer spektakulären Fahrt über das Altiplano (Andenhochland) und vorbei an großen Lama- und Alpakaherden den Titicacasee, das tiefblaue Andenmeer. Auf fast 4000 m gelegen, ist er der höchstgelegene schiffbare See der Welt, dessen Wassertemperatur niemals mehr als 13°C erreicht. Auf einem Motorboot mit Kajüte und Sonnendeck fahren wir hinaus zu den Uros-Inseln (Schilfinseln), wo noch die letzten Angehörigen der Uros-Indianer leben. Neben dem Fischfang leben sie heutzutage hauptsächlich vom Tourismus: sie zeigen uns, wie sie die Schilfinseln bauen und instand halten, wie sie ihre Häuser errichten und kochen. Dann geht es noch weiter hinaus auf den Titicacasee: auf die Insel Amantani, wo die strickenden Männer zu Hause sind. Stets von einer fantastischen Aussicht auf den tiefblauen See und die am bolivianischen Ufer gelegene Cordillera Real (Königskordillere) begleitet, wandern wir über die Insel. Am höchsten Punkt liegt eine schöne Plaza, und wir haben schon wieder Glück: auf dieser Plaza findet heute ein großes Fest statt. Die Einheimischen tragen ihre schönsten Trachten: die Frauen mehrere weit schwingende schwarze Röcke übereinander, dazu Umhängetücher mit bunten Wollbommeln. Die Männer tragen selbst gestrickte Wollmützen in den Farben rot und weiß: rot für die Verheirateten, rot mit einer weißem Spitze für die Ledigen! Keine Gewähr für Richtigkeit…

An diesem Festtag gibt es auch Vorführungen der einheimischen Handwerker: Weber zeigen ihre Kunst, Wolle wird mit einheimischen Pflanzen gefärbt und Wollmützen werden gestrickt. Krönender Abschluss ist ein Mittagessen mit Titicacasee-Forelle am Hauptplatz, Blick auf See und Berge, ehe es zurück in die Hafenstadt Puno geht – nebenbei auch Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts. Hier werden landesweit die meisten Feste pro Einwohner gefeiert, und auch heute Abend spielt eine Live-Band auf dem Hauptplatz. Die Lautsprecher sind bis zum Anschlag aufgedreht und die Einheimischen feiern bis 4 Uhr früh…

Auf unserer Fahrt von Puno in die Provinz Arequipa am nächsten Tag machen wir unseren ersten Halt bei den Grabtürmen von Sillustani. Die hier früher lebenden Präinka- und Inka-Kulturen hatten Bestattungsrituale, die uns völlig unverständlich sind: hochrangige verstorbene Persönlichkeiten wurden mit ihren (zu diesem Zweck getöteten) Familienangehörigen, Bediensteten und Haustieren in den imposanten Türmen beerdigt.

Am Nachmittag steigen wir von unserem Bus in Jeeps um, die uns samt unserer Bergsteigerausrüstung offroad auf eine Höhe von über 5000 m hinaufbringen. Dort angekommen, begrüßen uns unser Bergführer Arcadio und einige Träger, die einen Teil unserer Ausrüstung (Zelte, Verpflegung, Wasser) ins Basislager des Vulkanes Chachani bringen. Diesen 6000er wollen wir als krönenden Abschluss unserer Reise morgen besteigen. Die nur 200 Höhenmeter bis ins Basecamp sind einfach zu gehen, aber wir spüren alle die Höhe und sind kurzatmig. Früh essen wir zu Abend, besprechen den kommenden Gipfeltag und gehen bald in die Zelte – schon kurz nach 20 Uhr sind alle Lichter aus und wir im Schlafsack. Um 3 Uhr früh weckt uns Arcadio, und nach einem herzhaften Frühstück schalten wir die Stirnlampen ein, ziehen unsere warmen Handschuhe und Mützen an und machen uns in beißender Kälte auf den Weg. Die Sinnfrage stellt sich beim einen oder anderen, und alle warten darauf, dass am Horizont endlich das erste Morgenlicht erscheint. In blauschwarzer Dunkelheit legen wir die ersten paar hundert Höhenmeter schweigend zurück, gelegentlich halten wir, um den fantastischen Sternenhimmel zu bewundern: die Milchstraße und viele Sternbilder sind deutlich sichtbar! Als sich endlich ein erster Lichtschein zeigt, sind wir erleichtert. Sobald dann die Sonne aufgeht, entsteht ein starker thermischer Wind, der uns die Kälte nochmals stärker fühlen lässt und alle packen wir unsere Thermoskannen aus, um mit heißem Kokatee ein wenig Schwung in unsere kalten Glieder zu bringen. Bald jedoch spüren wir die wärmenden Strahlen der Sonne, und im ersten Tageslicht sehen wir, dass wir schon das größte Stück des Anstiegs zurückgelegt haben. Weiter oben leuchtet uns Schnee und Eis entgegen. Steigeisen brauchen wir heute nicht – Arcadio findet einen Weg, der uns durch Schutt- und Felsgelände fast schneefrei nach oben führt. Lediglich das allerletzte Stück geht es über relativ flache Altschnee-Felder. Am Gipfel angekommen, teilen wir unseren Stolz und unsere Freude miteinander, und der 360°-Rundumblick lässt die Kameras klicken. Etwa 20 Minuten lang stehen wir auf 6075 m und können uns an der Schönheit dieses Erlebnisses gar nicht satt sehen. Dann mahnt unser Bergführer zum Aufbruch, und hinunter geht es nun wesentlich schneller: die sich getrauen, fahren über Sand- und Schotterriesen beinahe wie auf Skiern zu Tal. Völlig eingestaubt und sehr müde erreichen wir das Basislager, werden mit einer heißen Suppe erwartet und bauen dann das Camp ab. Alle freuen sich auf die heiße Dusche, die uns im letzten Hotel der Reise in Arequipa erwarten wird. Die „weiße Stadt“, wie sie auch genannt wird, beeindruckt uns mit ihren Gebäuden aus hellem Sillar-Gestein, einem zauberhaften von Arkaden umsäumten Hauptplatz. Die von der Stadt aus sichtbaren Vulkane Chachani, Misti und Pichu Pichu schaffen eine Traumkulisse.

Nun heißt es Abschied nehmen – von einer höchst abwechslungsreichen Reise mit vielfältigsten Eindrücken und einem 6000er als krönendem Abschluss.

Viva el Perú!

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