Dzanga-Sangha: Safari im Regenwald des Kongobecken
Waldelefanten, Bongos und Mangaben in der Zentralafrikanischen Republik
Das eigentliche Ziel meiner Reise war die Begegnung mit King Makumba und der einzigen habituierten Gruppe Flachlandgorillas im Dzanga-Sangha-Reservat. Doch die Natur hatte ihre eigenen Pläne. Nach einem Kampf mit einem Artgenossen erlag der Silberrücken wenige Wochen vor meinem Besuch seinen Verletzungen. Dennoch wurde die Reise ins Herz Afrikas ein absolutes Wildlife-Erlebnis.
Kongo, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik
Ich muss gestehen: Hätte man mich vor einem Jahr auf einer Karte das Dzanga-Sangha-Reservat suchen lassen - ich wäre wahrscheinlich verzweifelt. Als ich jedoch die ersten Bilder von der Dzanga Bai - einer mit Elefanten, Waldbüffeln und anderen Tieren gefüllten Lichtung mitten im Regenwald - sah, änderte sich das: Ich wollte wissen, wo dieses Naturparadies ist. Schon länger lockte mich zudem der Ruf des Kongo nach Afrika. Über die Anwesenheit von Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) hatte ich mir bis dato allerdings keinerlei Gedanken gemacht. Jetzt kann ich auch diese Länder auf der Landkarte verorten.
Schnell verstand ich, dass die Anreise ins zentralafrikanische Bayanga sinnvollerweise nur von Ouesso in der Republik Kongo erfolgen konnte. Einerseits ist der Westzipfel der ZAR weitgehend politisch stabil, andererseits ist der breite Sangha-Fluss trotz einiger Sandbänke ein idealer „Regenwald-Highway“. Mit Kamerun zu unserer Linken und Kongo „im Rücken“ fuhren wir also letztlich im leichten Aluminium-Speedboot flussaufwärts. Wie bei einer Schnitzeljagd galt es unterwegs mehrere Kontrollpunkte und Grenzbüros zu passieren, doch nur wenige Dörfer säumten die Flussufer. Ständiger Begleiter war das grüne Band des Regenwaldes. Ein Wald, welcher seine Geheimnisse unheimlich gut zu verbergen weiß.
Unser Expeditionsquartier: Die Doli-Lodge
Die Doli-Lodge am Sangha-Ufer wurde für drei Nächte zu unserem Expeditionsquartier. Wer übermäßigen Luxus erwartet, merkt spätestens am Bootsanleger, dass er die falsche Reise gebucht hat. Die fünf Doppelbungalows sind zweckmäßig eingerichtet, haben neu geflieste Bäder und die Bar im Restaurant ist gut bestückt. Doch nagt die permanente Feuchtigkeit des Kongobeckens unerbittlich an der Substanz. Regelmäßig queren auch Elefanten das Gelände. Bei unserem Besuch turnten Blaumaul-Meerkatzen frühmorgens auf den Dächern umher und zerrten an den Dachsparren. Ein Dauerlauf für jeden Hausmeister. Der wahre Luxus der Doli-Lodge ist ihre Lage: nur wenige Kilometer von der Kernzone des Dzanga-Ndoki-Nationalparks entfernt. Das gewaltige Schutzgebiet zieht sich über alle drei Länder: ZAR, Kamerun und Kongo und wird entsprechend auch oft als Tri-Nationalpark bezeichnet.
Auf in den Regenwald I: Bai Hokou
Der nächste Tag. Frühmorgens ging es mit klapprigen Toyotas in die Kernzone des Parks zur Bai Hokou. Das für den Tag angesetzte Mangaben-Tracking war unser "Ersatzprogramm" für den Besuch bei den Gorillas. Natürlich kann im Prinzip nichts den Besuch einer Gorillagruppe ersetzen. Aber wie gesagt: "That´s nature!" - manchmal gilt es das beste aus der Situation zu machen. Ohnehin trauerte der ganze Park um den König der Gorillas. Unser Fahrer sprach davon, dass wir mit viel Glück durchaus auf einzelne, versprengte Mitglieder der vormals besuchbaren Gruppe treffen könnten. Erst vier Tage zuvor sei ein Weibchen der Makumba-Familie am Straßenrand beobachtet worden.
Doch dieses Glück war uns leider nicht hold und unter den unaufhörlichen Schlägen der ausgeleierten Stoßdämpfer fuhren wir rund eine Stunde durch den Wald. Mehrmals musste gestoppt werden - zum Wegräumen der von Elefanten auf die Straße getretenen Bäume. Es folgte ein kurzes Briefing durch die Ranger im Hokou-Bai-Camp. Dann ging es zu Fuß weiter. Eine Bai ist übrigens eine Lichtung im Regenwald, welche Treff- und Sammelpunkt für große Säugetiere wie Elefanten, Büffel, Waldantilopen und durchaus auch Gorillas ist. Bais sind typisch für den Dschungel in Zentralafrika und gefragter Anlaufpunkt für Safaritouristen.
Affentheater im Kongo: Mangaben-Tracking
Wir sollten an diesem Tag gute fünfzehn Kilometer wandern, waten und rutschen. Ohne Regen kein Regenwald. Doch mit Regen: Schlamm, Matsch und Bachläufe. Mit nassen Füßen und schlammverschmierten Hosen liefen wir auf schmalen Pfaden durchs Unterholz. Immer wieder waren Elefantenspuren deutlich im Morast zu erkennen. Nach dem dritten Bachlauf resignierten dann auch die motiviertesten unter den Schuhausziehern und alle wateten fortan murrend mit ihren neuen Trekkingstiefeln durchs schienbeinhohe Wasser. So eine Tierbeobachtung im Regenwald hat ohnehin wenig mit einer komfortablen Safari in Tansania, Botswana oder Namibia gemein. Auch Tiere sieht man zunächst eher keine. Nach rund einer Stunde sahen wir einen "Bongo-Hintern" im Grün verschwinden. Ansonsten ist man als Westeuropäer sehr auf die Spähkünste der Locals angewiesen.
Zwei Tracker (also Menschen, die für die Lokalisierung der Affen zuständig sind, um den WWF-Wissenschaftlern den Zugang zu erleichtern) gaben via Funkgerät Hinweise, wohin wir überhaupt laufen mussten. Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie wir wieder aus dieser „grünen Hölle“ gefunden haben. Anhand von GPS-Daten konnte ich am Abend übrigens nachvollziehen, dass wir in der Tat zurück in die Republik Kongo gelaufen sind. Über die grüne Grenze quasi. Ganz ohne Formalitäten.
Gewusel im Dschungel
Plötzlich ging alles ganz schnell. Zwei Männer - die Tracker - standen wie aus dem Nichts kommend vor uns. Auf einem Baumstamm im Sonnenlicht sitzend, erblickte ich den ersten Primaten und schoss echte "Modelfotos". Doch das eigentliche Ausmaß der Mangaben-Gruppe wurde mir nur langsam klar. Die Affen ziehen in Gruppen von bis zu 150 Tieren durch den Wald. Plötzlich bewegten sich um uns herum die Bäume. Über unseren Köpfen, am Boden und im Buschwerk - überall waren die Tiere. Langsam liefen wir mit der Gruppe mit. Im nächsten Moment hagelte es Fruchtschalen aus ca. zehn Metern Höhe. Wir hielten uns zum Schutz die Hände über die Köpfe. Eine gute Stunde erlebten wir das Spektakel und der "verpasste Gorilla" war ein bisschen weniger schlimm.
Auf dem Rückweg sahen wir auf der eigentlichen Hokou Bai noch zehn Waldelefanten, ein Sitatunga (Sumpfantilope) und mehrere Waldbüffel. Auf der Rückfahrt zur Lodge überquerte eine weitere Elefantenherde vor uns die Straße, bevor die Nacht über Dzanga-Sangha fiel und wir uns nach einem Feierabendbier in die Betten verabschiedeten.
Auf in den Regenwald II: Das Dorf der Elefanten
Am Folgetag ging es wieder früh in den Park. An einer Weggabelung lenkte der Fahrer an diesem Tag das Fahrzeug nach links und alsbald standen wir auf dem "Parkplatz" zur Dzanga Bai. Diese riesige Lichtung wird auch das "Dorf der Elefanten" genannt. Bis zu 300 unterschiedliche Dickhäuter besuchen die Bai jeden Tag. Die mineralreiche Erde, reichlich Wasser und der Bedarf nach "sozialen Kontakten" werden als Ursache vermutet. WWF-Mitarbeiter und Forscher füllen hier zahlreiche Ordner mit Daten und Informationen über die grauen Riesen. Die am Waldrand gelegene Beobachtungsplattform ist pro Tag nur für fünfzehn Besucher zugänglich, die oft anwesenden Wissenschaftler nicht eingerechnet.
Nach einem kurzen Marsch durch Wasser, Schlamm und Wald öffnete sich uns also der Blick auf die Bai. Es war unglaublich. Bei unserer Ankunft zählten wir einhundertzehn Elefanten. Eine genaue Zahlenangabe ist jedoch schwierig, wandern die Tiere doch ständig von allen Seiten auf die Freifläche und zurück in den Wald. Auch gut vierzig Bongos, zahlreiche Waldbüffel und eine Gruppe Colobus-Affen waren auf der Bai zu sehen. Die Stunden vergingen. Das Erlebnis war intensiv. Fotografen und Wildlife-Enthusiasten kamen gleichermaßen auf ihre Kosten. Gegen 14 Uhr traten wir den Rückweg an - weil laut der Ranger am Nachmittag die Wege oft von Elefanten blockiert würden. Rückfahrt. Ein weiteres Feierabendbier in der Lodge. Eine Nacht mit Zikaden-Konzert. Viele für das Kleinhirn zu sortierende Impressionen. Am nächsten Tag erfolgte dann die Rückfahrt auf dem Sangha-Fluss nach Ouesso. Dzanga-Sangha ohne Gorilla? Es lohnt sich.
Übrigens: Die Habituierung neuer Gorilla-Gruppen läuft. Eventuell ist das Gorilla-Tracking an der Hokou Bai ab 2026 wieder möglich.