Silhouette eines Vogels auf der Spitze eines Baums vor Abendhimmel und Wald, Region unbekannt.

Paradise No. 2

Warum das Paradies nicht immer in der Südsee liegen muss

Teilen Susanne Albinger 22.06.2026
Susanne Albinger

Ich wollte immer schon mal Wölfe in freier Wildbahn erleben und die eine Woche in den ruhigen und einsamen Wäldern von Finnland bot eine perfekte Gelegenheit - und ich kam ihnen so nahe, wie ich es nie erwartet hätte.

Die erste Nacht im "Paradise"

Zugegeben, das Paradies hatte ich mir immer anders vorgestellt: mit Palmen, Meer und einem endlosen Sandstrand irgendwo in südlichen Gefilden - und nicht im etwas kühlen Nordosten Finnlands, nahe der russischen Grenze. "Paradise No. 2" : so heißt das Fotoversteck, das ich heute Nacht für mich alleine habe. Hier ist es zwar gemütlich und ganz komfortabel - aber einen Hinweis auf den seltsamen Namen habe ich bis jetzt noch nicht entdeckt. 
Ich schätze, auch das tote Schwein, das gut 50 Meter vor mir im Gras liegt, hatte etwas andere Vorstellungen vom Paradies. Ich wünsche ihm, dass der Schweinehimmel seine Erwartungen erfüllt.
Meine Erwartungen für die heutige Nacht sind etwas wilder und so gar nicht paradiesisch: Wölfe und vielleicht auch ein Bär sollten sich zeigen. Dann wäre ich auch ohne Palmen glücklich. Aktuell sind allerdings nur jede Menge Möwen (Möwen in der Tundra sind auch ein ungewohnter Anblick) und Kolkraben damit beschäftigt, das Schwein und weitere ausgelegte Köder zu begutachten und sich, wenn möglich, auch schon einzuverleiben. Dabei vermischt sich das Gezeter der Möwen mit dem tiefen Krächzen der Raben zu einer ungewohnten Geräuschkulisse.
Hinter der Ebene mit ein paar vereinzelten Bäumen beginnt der Wald - und dort scheint sich nun etwas zu bewegen. Mein aufgeregter Blick durchs Fernglas bestätigt: ein Wolf ist zwischen den Bäumen aufgetaucht, und gleich darauf ein zweiter. Sie kommen vorsichtig näher, umkreisen skeptisch den Kadaver.

Meine "Unterkunft" für heute Nacht
Der erste Wolf taucht auf
Aug in Aug
Bild 1: Meine "Unterkunft" für heute Nacht Susanne Albinger
Bild 2: Der erste Wolf taucht auf Susanne Albinger
Bild 3: Aug in Aug Susanne Albinger

Die erste Begegnung Aug in Aug

Einer der beiden macht auf der Suche nach versteckten Fleischstücken einen großen Bogen und ist plötzlich ganz nah vor meinem Versteck. Fast ist er schon zu dicht dran für mein Objektiv und es scheint, als würde er mich direkt in die Augen schauen. Ein magischer und etwas unheimlicher Augenblick.
Etwas später gesellt sich noch ein dritter Wolf zu den beiden und es ist faszinierend, sie beim verspielten Herumtollen zu beobachten. Immer wieder lege ich die Kamera zur Seite, um einfach nur zu schauen.
Schließlich verschwinden sie alle drei wieder hinter den Bäumen.

Hat wohl geschmeckt
Herumtollen
Gleich drei Wölfe auf einmal
Bild 1: Hat wohl geschmeckt Susanne Albinger
Bild 2: Herumtollen Susanne Albinger
Bild 3: Gleich drei Wölfe auf einmal Susanne Albinger

Schwarzmilan und Birkhahn

Eine Zeitlang beobachte ich einen Schwarzmilan, der immer wieder versucht, den Möwen oder Raben ein Stück Fleisch abzujagen - dabei aber nur selten erfolgreich ist. 
Links von mir höre ich ein Gurren, das mit bekannt vorkommt und das sich vom Lärm der Möwen und Raben abhebt. Durchs Fernglas sehe ich am Wiesenrand doch tatsächlich einen Birkhahn, der unermüdlich seine Runden zieht und - wohl vergeblich - versucht, mit seiner Zurschaustellung das weibliche Geschlecht zu beeindrucken. Dann wird es den Raben zu viel, denn sie verscheuchen ihn. Woraufhin er in einem der höchsten Bäume unbeirrt mit seinem Schauspiel fortfährt.
Irgendwann wird es ruhig. Die Raben haben aufgegeben, an das Fleisch des Schweins heranzukommen und für die Möwen ist wohl Schlafenszeit. Die Sonne steht schon sehr tief und taucht die Landschaft in ein sanftes Licht. Die absolute Stille, die nun herrscht, ist fast schon gespenstisch.
Ich fange an, meinen Schlafsack auszurollen. Immerhin ist es schon nach 22 Uhr und langsam kriecht auch die Kälte durch die Ritzen der kleinen Hütte. Doch dann sehe ich eine Bewegung: etwas großes Braunes zeigt sich am Waldrand - ein Bär läuft Richtung Kadaver, bleibt immer wieder stehen und hebt abwartend die Nase. Und dann macht er sich über das Schwein her, reißt große Stücke heraus.

Schwarmilan
Balzender Birkhahn
Und dann kam der Bär
Bild 1: Schwarmilan Susanne Albinger
Bild 2: Balzender Birkhahn Susanne Albinger
Bild 3: Und dann kam der Bär Susanne Albinger

Bären und Wölfe

Und plötzlich sind auch die Wölfe wieder da: jetzt wohl die ganze Familie, denn ich zähle ganze fünf Stück. Die Gegenwart des Bären scheint sie nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, als wäre der Köder für sie jetzt nicht mehr gefährlich, nachdem der Bär ihn für gut befunden hat. Der versucht ab und zu halbherzig, einen Wolf zu vertreiben, der dann kurz ein oder zwei Schritte zur Seite geht. Schließlich scheint der Bär wohl genug zu haben, bedeckt die Reste des Schweins mit Erde und zieht von dannen.
Was natürlich weder Wölfe noch Raben davon abhält, sich ihren Teil vom Fleisch zu holen. Eine Zeitlang herrscht noch reges Treiben beim Kadaver, der im Eiltempo in den Mägen von Wölfen und Raben verschwindet.
Nach 24 Uhr, es ist immer noch hell, aber mittlerweile doch zu dunkel zum Fotografieren, kuschele ich mich in meinen Schlafsack und schlafe ein paar Stunden.
Als ich um 3 Uhr wieder wach werde, ist es noch immer oder schon wieder hell und der Wald ist in ein rötliches Licht getaucht. Die Landschaft wirkt fast unwirklich mit einem leichten Nebel, der über dem Boden liegt. Die Raben sind immer noch am Schwein zugange und vor dem Hintergrund des dunklen Waldes steht ein stattlicher Wolf und schaut in meine Richtung. Ich muss an die Märchen denken, in denen der Wald die Heimat des Wolfes ist. Heute ist es ein friedliches Bild und ich lasse es auf mich wirken, noch halb im Schlafsack eingewickelt und mit etwas Schlaf in den Augen.

Bär und Wolf
So schnell lassen sich die Wölfe nicht verscheuchen
Ein magischer Moment
Bild 1: Bär und Wolf Susanne Albinger
Bild 2: So schnell lassen sich die Wölfe nicht verscheuchen Susanne Albinger
Bild 3: Ein magischer Moment Susanne Albinger

Rückkehr des Winters

Die letzte Nacht in meinem "Paradise" hält noch eine besondere Überraschung für mich bereit: obwohl schon Ende Mai kehrt der Winter noch einmal zurück. Als ich an diesem Morgen nach einer kurzen Nacht aus dem Schlafsack krieche, hat sich die Welt draußen verändert: der starke Regen von letzter Nacht hat sich in dichte Schneeflocken verwandelt und die Landschaft mit einem weißen Mantel bedeckt. 
Und Wolf und Bär sind so lieb, auch noch mal vorbei zu schauen und sich als besondere Fotomotive im Schnee in Pose zu setzen (auch wenn das Fokussieren mit der Kamera bei dem dichten Schneetreiben nicht immer ganz einfach ist).
Sogar ein Seeadler gibt sich noch die Ehre und lässt sich im Schnee nieder.

Das Paradies liegt eben nicht immer in der Südsee :-)

Am nächsten Morgen
Wolf im Schnee
Bär im Schnee
Bild 1: Am nächsten Morgen Susanne Albinger
Bild 2: Wolf im Schnee Susanne Albinger
Bild 3: Bär im Schnee Susanne Albinger

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