Ich sitze allein mit dem Tracker Mandu im Wald. Die Sonne steht schon tief, die Strahlen blinzeln durch die Baumwipfel. Wir sind schon seit Stunden über Bachläufe, Baumstämme und durch dichtes Unterholz unterwegs, verschwitzt, erschöpft und lauschen nun bei einer kurzen Pause schweigend den Geräuschen des Waldes.
DRC: Bonobo-Tracking ohne Erfolg?
Mandu möchte noch nicht aufgeben und mir so gerne seine „Nachbarn“ im Wald, die Bonobos, zeigen. Aber wir hören nichts von den Primaten. Es geht weiter. Wälder und mit hohem Gras bestandene Lichtungen wechseln sich ab. Dann findet mein Guide ein Grasbüschel und angeknabberte Zweige. Ohne eine gemeinsame Sprache verstehe ich, dass es sich um Essensreste der Bonobos handelt. Wir schöpfen noch einmal Hoffnung auf eine Begegnung mit den scheuen Waldbewohnern und laufen schneller. Doch die Sonne nähert sich unaufhaltsam dem Horizont. Uns wird klar, dass wir heute wohl keine Bonobos mehr sehen werden und machen uns auf den Rückweg. Aber nach den intensiven Eindrücken des Tages kann ich darüber nicht betrübt sein.
Ohne Bonobo-Sichtung zurück ins Camp
Zurück im Camp kühle ich mich mit einer Eimer-Dusche ab – der Staub und Schweiß sind weg, die Erlebnisse bleiben für immer als Erinnerungen haften. Im Schein der Stirnlampen gibt es zum Abendessen Foufou, Sakasaka und Ziegenfleisch. Mit leuchtenden Augen werden anschließend die Erlebnisse des Tages am Lagerfeuer ausgetauscht. Zuerst leise, dann immer lauter werdend, nähern sich tanzend Sänger aus dem Dunkeln unserer Runde. Die Bewohner des nahen Dorfes führen uns ihren traditionellen „Bonobo-Tanz“ vor. Für sie sind die Bonobos Verwandte, die im Wald leben. Vielleicht auch ein Grund, warum die Tiere hier geschützt von den Einheimischen noch immer in ihrer natürlichen Umgebung leben können und nicht gejagt werden. Gelebter Naturschutz! Nach dieser unverfälschten Darbietung wird es Zeit an die Nachtruhe zu denken. Dankbar für diesen unvergesslichen Tag ziehe ich hinter mir den Reißverschluss meines Zeltes zu und bette mich in meinen Schlafsack.
Nächster Versuch: Der frühe Vogel …
Am nächsten Morgen geht es 3 Uhr noch vor Sonnenaufgang los. Zunächst mit dem Jeep, dann zu Fuß wandere ich heute zusammen mit meiner Reisegruppe in den Wald zu einer Stelle, an der sich die Bonobos am Vorabend ihre Schlafnester gebaut haben. Für eine Weile setzen wir uns auf den Waldboden in der Nähe der Schlafbäume und lauschen den Geräuschen des Waldes. Wir warten – selbst noch ein wenig verschlafen - auf das Erwachen der Tiere, die bald ihre Nester verlassen und auf Nahrungssuche gehen sollten.
Plötzlich bin ich wie elektrisiert: Zunächst ist es nur ein Rascheln, dann ein dunkler Schatten im Baumwipfel. Endlich sind Sie da! Zwei Bonobos hangeln sich langsam an einem Baumstamm hinab. Sie blicken neugierig und interessiert direkt zu mir, scheinen sich aber auch ein wenig über den Besuch der weißen Langnase zu wundern. Sie halten kurz inne, setzen dann lautlos und zielstrebig ihren Weg auf den Waldboden fort und verschwinden in der dichten Vegetation. Trotz aller Bemühungen unserer Tracker – ein zweites Mal werden wir sie leider nicht mehr sehen. Langsam machen wir uns deshalb auf den Rückweg.
Vollgepackt mit Erinnerungen heißt es Abschied von den Bonobos und der Demokratischen Republik Kongo zu nehmen. Direkt nach dem Tracking fahren wir mit dem Jeep auf engen, teils holprigen und steilen Pfaden zurück zum Kongo. Eine kleine Pirogge bringt uns anschließend über den Fluss zurück in die Republik Kongo.
Rainforest, Wildlife, Sangha
Ich erwache mit einem morgendlichen Konzert aus tausenden Vogelstimmen. Bin ich im Wald eingeschlafen? Auch wenn es sich so anhört, liege ich im Bett in einer komfortablen Kabine der Sangha Lodge. Weil die „Wände“ aus Gage sind, fühle ich mich aber mittendrin. Auf meinem Nachttisch liegt ein Handzettel, der über das Verhalten im Falle der Begegnung z.B. mit einem Jagdzug von Treiberameisen, neugierigen Affen oder Schweißbienen aufklärt und gleichzeitig eindrücklich die Naturverbundenheit der Betreiber dokumentiert: „As we live in the rainforest, you may expect wildlife in and around your room. We try to coexist where possible“.
Für das Frühstück laufe ich dann ein paar Minuten hinunter zum Haupthaus der Lodge. Von dort habe ich einen herrlichen Panorama-Blick auf den Sangha-Fluss und den tiefgrünen Wald, in dem am Morgen noch dicke Nebelschwaden hängen. Aus einem Einbaum wirft ein Fischer in der Ferne sein Netz aus … wenn unsere Guides nicht mit einem spannenden Programm aufwarten würden, könnte ich es hier noch eine Weile aushalten.
Auf zur Dzanga Bai
So entspannt der Tag begonnen hat, so abenteuerlich geht er weiter: Mit dem Jeep verlassen wir die Lodge und fahren zum Ausgangspunkt einer Wanderung zur Ansichtsplattform an der Dzanga Bai. Die Wege sind ausgespült und ich frage mich, wie man diese bei Regen und Schlamm befahren kann. Aber zum Glück ist im Juli Trockenzeit. Wir passieren ein kleines Dorf, in dem auch Angestellte unserer Lodge leben. Immer wieder grüßen wir die Bewohnern am Wegesrand und besonders die Kinder strahlen, wenn wir ihnen zuwinken. Nach ca. 1 ½ Stunden ist der Trailhead unserer Wanderung erreicht. Ich bin voller Vorfreude, was mich auf der Bai erwarten wird und kann den Abmarsch kaum erwarten. Sind die Waldelefanten da, werde ich Bongos sehen? Die Spannung steigt! Unsere kleine Gruppe bewegt sich auf den gleichen schmalen Pfaden durch den Wald, die auch die Tiere nutzen. Die frischen Spuren von Elefanten im Schlamm ermahnen uns zur Vorsicht. Dann überqueren wir einen seichten Flusslauf – eine willkommene Abkühlung. Nach einer reichlichen Stunde ist ein fernes „Tröten“ zu vernehmen, die dichte Vegetation lichtet sich – endlich kommt die Bai in Sicht.
Schweigend und mit sachten Schritten erklimmen wir die Stufen hinauf zur Plattform. Laute Geräusche könnten die Tiere erschrecken. Vielleicht erinnern sie sich noch an ein Massaker aus dem Jahr 2012, beim dem Wilderer aus dem Tschad viele Waldelefanten getötet haben? Ich denke mir, zum Glück sind die heutigen Besucher nur mit Kameras und langen Objektiven „bewaffnet“. … oder mit Zettel und Stift: Oben angekommen, treffen wir eine Wissenschaftlerin, die den imposanten Holzbau für ihre Studien zum Schutz der tierischen Waldbewohner nutzt.
Waldelefanten, Büffel und Bongos
Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. Neben Waldelefanten (wir zählen 66 Individuen in der Spitze) sehe ich auf der Lichtung auch eine kleine Büffel-Herde, ein Bongo und verschiedene Vögel. Was den Aufenthalt auf der Bai aber so besonders macht, ist die Möglichkeit, in aller Ruhe die sozialen Interaktionen der Waldelefanten untereinander zu beobachten: Das Kommen und Gehen der kleinen Herden (mal gemächlich, mal laut trötend im Laufschritt), das Säugen der Babys, die Interaktionen innerhalb der Familien oder die Geräusche, wenn die Tiere ihre Rüssel tief in die Wasserlöchern stecken, Luft auspusten und es nur so sprudelt.
Direkt neben der Plattform befindet sich weitere Attraktion: Dort ist eine Suhle und ich erlebe wie sich ein Dickhäuter laut schnaubend mit Schlamm einsprüht – zuerst mit dem Rüssel nach links, rechts, dann nach oben und unten. Der „Dusche“ schließt sich ein Besuch am nahen Schubberbaum an. Nach 4 Stunden auf dem Aussichtspunkt verabschiedet sich ein Teil der Gruppe und begibt sich auf den Rückweg zur Sangha Lodge. Drei Mutige - eine Mitreisende, unser Guide Jörg und ich - haben sich für eine Übernachtung im Zelt entschieden. Wir werden es nicht bereuen!
Unter den fürsorglichen Blicken der Local Guides ist es mir sogar noch möglich, unter der Plattform den Boden zu betreten und den Elefanten „auf Augenhöhe“ so noch ein wenig näher zu kommen – Adrenalin pur. Die Zeit auf der Bai vergeht, ohne dass es mir langweilig wird. Denn es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken. Aber langsam müssen wir auch an die Nacht denken! Also stellen wir unsere drei Zelte auf die Holzplanken. Zwei Isomatten sorgen für eine angenehme Polsterung. Und auch für die Verpflegung ist gut gesorgt: Die Sangha Lodge hat uns in Thermobehältern Chili con Carne und Reis mitgegeben. Im Licht der Dämmerung und dem Blick in die Bai lassen wir es uns schmecken. Dann geht die Sonne unter. Zu meiner Freude erhebt sich gleichzeitig der Vollmond und überzieht die Lichtung mit einem silbrigen Schimmer. Es zieht Ruhe ein. Glücklich und müde mache ich es mir in meinem Zelt gemütlich. Ab und zu höre ich einen Elefanten trompeten – es hallt auf der ganzen Bai nach. Schnell schlafe ich ein.
Goodbye Dzanga Sangha …
Am Morgen sind die Kleider klamm, Nebel hängt in den Baumwipfeln. Während wir zusammen unser Frühstück genießen, zieht eine große Herde mit 25 Bongos herein. Die markanten Tiere haben ein rot-braunes Fell mit weißen Streifen. Friedlich teilen sie sich die Wasserlöcher mit den Waldelefanten, trinken und äsen das frische Gras. Die Antilopen bleiben allerdings nicht lang und verlassen die Szenerie so schnell wie sie gekommen sind. Und auch wir packen langsam unsere Sachen. Mit einem letzten wehmütigen Blick verabschiede ich mich von der Dzanga Bai.