Von der Vollmondnacht zu den Völkern der Chin und Shan
Ein Einblick in die kulturelle Vielfalt Myanmars
Wir sind mittendrin, lassen uns treiben, staunen, kommen immer wieder in kurze Kontakte mit den Menschen und genießen diese Stimmung einer sehr lebendig gelebten Spiritualität, wie man sie in anderen Religionen kaum erleben kann.
Zum Vollmondfest in der Shwedagon Pagode
Spektakulär beginnt unsere diesjährige Myanmar-Fotoreise: Nach der Ankunft im Land morgens, einer kleinen Erholungspause im Hotel und einem ersten Orientierungsspaziergang im Zentrum der Stadt besuchen wir am späten Nachmittag die Shwedagon Pagode. Dieses visuell und atmosphärisch ungeheuer beeindruckende Bauwerk ist für alle Burmesen von hoher Bedeutung und wird als spirituelles Zentrum des Landes verehrt. Heute ist die Nacht des November Vollmondes, die in ganz Myanmar mit einem großen Lichterfest gefeiert wird. Tausende von Menschen versammeln sich in der Pagode, vollziehen ihre spirituellen Rituale, strahlen im Schein von unzähligen angezündeten Lampen, die die große Stupa erleuchten, sitzen in kleinen Gruppen zusammen und essen, während die Kinder ringsherum spielen – und dürfen als einmalige Ausnahme im ganzen Jahr sogar auf der großen Plattform der Pagode übernachten. Die ganze Nacht lang kann man beobachten, wie Frauen an aufgebauten Webstühlen sitzen und im spielerischen Wettbewerb neue Tücher für Mönche und Buddha-Statuen in den Tempeln anfertigen. Wir sind mittendrin, lassen uns treiben, staunen, kommen immer wieder in kurze Kontakte mit den Menschen und genießen diese Stimmung einer sehr lebendig gelebten Spiritualität, wie man sie in anderen Religionen kaum erleben kann. Erst spät in der Nacht kommen wir wieder ins Hotel, doch um vier Uhr morgens sind wir bereits zurück in der Shwedagon, denn nun beginnen einzelne Prozessionen, um zum Sonnenaufgang die neu gewebten Tücher in den Tempeln übergeben zu können. Die Räucherstäbchen duften, Töne von Gongs und Muschelhörnern schwirren durch die Luft und emsig werden kleine Plättchen aus echtem Gold auf die verehrten Buddha-Statuen und Stupas aufgebracht.
Bootsfahrt durch das Irrawaddy Delta und Besuch in einem Fischerdorf
Während auf der vorjährigen Myanmar-Fotoreise 2016 die klassischen Höhepunkte des Landes (Goldener Felsen, Inle, Mandalay, Bagan) im Mittelpunkt standen und den mitreisenden Teilnehmern die Speicherkarten bis zu den Grenzen gefüllt haben, rückt auf der diesjährigen Tour auch das unbekanntere Myanmar in den Fokus des Reiseablaufs.
Schon am Nachmittag unseres zweiten Tages fahren wir aus der alten Hauptstadt nach Süden in das riesige, weitverzweigte Delta des großen Flusses Irrawaddy. Im Provinzstädtchen Pyapon übernachten wir in einem einfachen, landestypischen Gästehaus, frühstücken wie die meisten Burmesen in der Teestube und fahren dann mit einem Boot in die Flussarme des Deltas hinein. Sehr schön lässt sich so das Leben der Fischer auf dem Wasser beobachten sowie das der Menschen, welche in den kleinen Gärten arbeiten, die das Flussufer säumen.
Nach vielen Stunden erreichen wir über immer verzweigtere kleine Kanäle unser Ziel, ein Fischerdorf am Golf von Bengalen, welches in einer verheerenden Flutkatastrophe vor einigen Jahren komplett zerstört und anschließend mit internationaler Unterstützung wieder aufgebaut wurde. Im Haus des Dorfältesten werden wir mit einem leckeren Essen bewirtet, schnell sind alle Kinder des Dorfes um uns herum und ohne viele Worte wird Freundschaft geschlossen. Beim nachfolgenden Spaziergang zum Dorftempel haben wir mindestens zwei Kinder an jeder Hand, was wir alle miteinander sehr genießen. Spät am Abend, gerade zum Sonnenuntergang, sind wir in Pyapon zurück und haben einen sehr erlebnistreichen und erfüllten Tag hinter uns.
In den Bergen des Shan-Staates
Nach einem weiteren Aufenthalt in Yangon fliegen wir in den Osten des Landes nach Kyaingtong, welches architektonisch beeinflusst ist vom nahe gelegenen Thailand. Hier in den Tälern und Bergen des Shan-Staates, Teil des sogenannten Goldenen Dreiecks, wandern wir in den folgenden Tagen zu Dörfern verschiedener, noch sehr eigenständig lebender Volksgruppen, z.B. den Akha, den Ann, den Wa. Wir durchqueren üppige Landschaften – teilweise werden gerade Gemüse und Bergreis geerntet – und sehen wunderschöne alte, hölzerne Klöster. In den Dörfern kommen wir in Kontakt mit den dort lebenden Menschen. Wir werden auf die den Bambus- und Holzhäusern vorgelagerten Terrassen eingeladen, sitzen zusammen und erfahren etwas über das Betelnusskauen, die allgegenwärtige Verwendung von Bambus und die Gewinnung von Kautschuk. Außerdem lernen wir zu unterscheiden, ob es ein buddhistisches, christliches oder von animistischer Religion geprägtes Dorf ist. Sehr spannend und fotografisch interessant sind für uns die Kleidung und der Schmuck der Frauen sowie das hohe Ansehen von schwarz gefärbten Zähnen und ein weiteres Malgefällt uns die große Gastfreundschaft, mit der wir empfangen werden, sehr.
Den spannenden Geschichten der Einheimischen des Chin-Staates lauschen
Auch in diesem Jahr stehen der Inle-See und die alte Tempelwelt von Bagan auf unserem Programm, doch hier sei nun abschließend erzählt von den letzten Reisetagen, die wir im Westen Myanmars, im touristisch sehr abgelegenen Chin-Staat verbringen. Mit Geländewagen erreichen wir rund um den Mount Victoria die kleinen Städtchen Kanpetlet und Mindat. Hier und in den umliegenden Dörfern leben noch einige, vorwiegend ältere Frauen mit Gesichtstätowierungen. Sie verkörpern ein Schönheitsideal, welches uns im Westen völlig fremd ist. Einige Tage zuvor waren wir in Loikaw zu Besuch, wo uns Fotograf Jens Uwe Parkitny in einem sehr eindrucksvollen Vortrag an Hand seiner Bilder erzählt hatte, dass die Gesichtstätowierungen als Ausdruck von sozialem Status, von Herkunft und Schönheitsbewusstsein, dem Wunsch nach spirituellem Schutz und als Zeichen dafür, den Übergang von dem einen zum anderen Lebensabschnitt, gesehen werden sollten. Nun begegnen wir selber einigen Frauen, fragen sie mit Hilfe unseres Guides nach ihrer Lebensgeschichte, beantworten ihre Fragen nach der unsrigen und versuchen uns fotografisch im Portrait. Manche dieser Begegnungen sind unbeschreiblich und unvergesslich beeindruckend, z.B. als wir im Wohnraum von Ponee sitzen, 92 Jahre alt, 5 Kinder, 12 Enkel. Trotz nachlassender Kräfte spielt sie für uns die Nasenflöte und lacht uns nachher aus vollem Herzen an.
Viele dieser berührenden Momente hat es auf dieser Reise gegeben, zu Hause werden wir uns sicher gerne daran erinnern – und die wieder bunt, abwechslungsreich und prall gefüllten Speicherkarten unserer Kameras werden uns dabei unterstützen!