Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Im Eisbärland – eine Fotoreise nach Spitzbergen

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Der Ankunftstag in Longyearbyen: kalt und grau, regnerisch und windig. Wo, bitte, geht’s hier zur Arktis? Die Tiere immerhin sind schon da – Rentiere zupfen in Flughafennähe am braunen Gras, in der Eiderentenkolonie herrscht gurrendes Treiben, die Weibchen sitzen auf hellgrünen Gelegen. Rauf aufs Schiff und ab nach Norden!

Am anderen Morgen umgibt uns das Land der spitzen Berge: Die Namensgeber, noch verschneit, hüllen sich in fotogene Wolkenumhänge, Papageitaucher und Dickschnabellummen patschen aufgeschreckt davon. In der beeindruckenden Passage durchs Sørgatt hinein in den Smeerenburgfjord hält es niemanden mehr in der Kabine – raus an Deck zum Fotografieren! Stilles Wasser, monochrome Spiegelungen, magische Stille vor der Gletscherfront – und dieses überklare Licht der hohen Breiten, ein einziges ätherisches Leuchten. Zwei Walrosse auf einer Eisscholle, an die der Kapitän die Ortelius geduldig heranführt, sodass die Stoßzahnträger nicht misstrauisch werden. Beim dritten Walross, diesmal im Meereis, gelingt das Kunststück erneut. Und dann schieben wir uns durch das Schollenlabyrinth, einen Irrgarten in Weiß, auf der Suche nach dem weißen Bären auf weißem Untergrund vor weißem Hintergrund. Klingt schwierig? Ist es auch. Aber das Team um Expeditionsleiter Rinie van Meurs findet die „Könige der Arktis“ – auf dem Meereis und auf dem Festeis im Raudfjord. Wir gucken uns die Augen aus, Ferngläser kreisen, Richtungsbeschreibungen machen die Runde, endlich hat die x-te Variante Erfolg: „Ich hab ihn! Der ist ja weit weg – wie haben die den bloß gesehen?!“ Am Nachmittag unternehmen wir eine Schlauchbootfahrt im Eis. Dickschnabellummen sitzen wie Pinguine auf ihrer Scholle, die Luft ist still, das Wasser spiegelglatt, die Eisberge unter Wasser türkisblau. Zeit wird bedeutungslos.

Die Anlandung in der Engelskbukta birgt neue Herausforderungen: Man muss sich je nach Bewegungsdrang für eine der Wandergruppen entscheiden – aber alle Gruppen bekommen fantastische Landschaften zu Gesicht. Die ersten Steinbrechblüten tupfen rotviolette Achtungszeichen zwischen die Schneefelder. Die Fotografen liegen vor Spiegelungen auf dem Bauch, bewundern die verrückten Wolkenformationen und das psychedelische Gewirr des Schmelzwassermäanders. Am Nachmittag geht’s zu den Walrossen von Sarstangen, und wir können diese urzeitlichen Kolosse an Land bestaunen. Im Kongsfjord begeistern uns Blau- und Zwergwale, die deutlich sichtbaren Gipfel der „Tre Kroner“ Nora, Svea und Dana und das erstaunlich farbenfrohe Abendlicht.

Am nächsten Morgen erwachen wir wieder im Eis, dick eingepackt in Nebelbänke. Bärenspuren auf dem Eis – und da, der Bär! Wandert er zu uns? Die Antwort erübrigt sich: Das junge Männchen kommt ganz entspannt angelaufen, betrachtet sein Spiegelbild im Wasser, überspringt Kanäle im Eis, landet auf der nächsten Scholle und liefert uns jede Menge Gelegenheit, es ausführlich zu beobachten und zu fotografieren, wie es die Ortelius neugierig aus der Nähe betrachtet – und wir betrachten den Bären. Was für eine Begegnung!

Auf dem Weg gen Süden pirschen wir uns an eine gewaltige Bartrobbe an, die auf dem Eis ruht, und vor dem Isfjord erwarten uns Blauwale, die ausnahmsweise sogar ihre Fluke zeigen. Schließlich lässt sich – auf vielfachen Wunsch der Fotogruppe – die Sonne blicken, als wir in der Ymerbukta auf Schlauchboot-Tour gehen, um die Gletscherfront zu bewundern, Prachteiderenten zu erspähen und Rentiere zu beobachten. Wie, schon vorbei? Es wird lange dauern, bis die Bilder sortiert und die schönsten Aufnahmen bearbeitet sind und wir so richtig begriffen haben, was wir alles erleben durften … Sandra Petrowitz

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